Redliches Geld

von John Tomlinson

Originaltitel "Honest Money"
© 1998 by John Tomlinson & Helix Editions
Übertragen ins Deutsche von Wolfgang E. Nebmaier


 

Vorwort

 

Ich will in diesem Buch kritisch eine der grundlegenden Annahmen untersuchen, auf denen die meisten von uns ihre wirtschaftliche Existenz aufgebaut haben. Es ist die Basis des wirtschaftlichen Denkens unserer westlichen Welt. 

Keiner der heute anerkannten wissenschaftlichen Theoretiker der Volkswirtschaft, von Ricardo bis Marx, von Keynes bis Mises, von Hayek über Friedman bis Galbraith, hat je die funktionelle Richtigkeit der Geldverleihtätigkeit unserer Banken in Frage gestellt. Sie wird als Tatsache an- und hingenommen und wir sollen glauben, daß es der Zweck des Bankensystems sei, Geld zu verleihen, daß es ohne Bankanleihen keine Expansion, kein Wachstum für Wirtschaft und Gesellschaft geben könne.

Ich will diese Denkweise in Frage stellen, und mit ihr die Grundideen, auf denen sie beruht.

Wie fast alle von uns sind auch Banker einfach in ein Wirtschafts- und Finanzsystem "hineingeboren" worden, zu dem der Geldverleih nun einmal gehört. Und innerhalb dieses Systems versuchen sie ihr Bestmögliches zu tun. Die meisten von ihnen verhalten sich durchaus verantwortungsvoll, aber nur wenige, wenn überhaupt welche, haben jemals die Rechtfertigung eben jener Aufgaben hinterfragt, die sie Tag für Tag so effektiv ausführen.

Verantwortungsbewußte Banker sind heute nicht mehr die einzigen, die sich der Notwendigkeit einer kritischen Neueinschätzung sowohl des internationalen Bankwesens als auch des westlichen Währungssystems stellen müssen. Denn beide Systeme sind in Gefahr in absehbarer Zeit zu scheitern: Das internationale Bankensystem sieht sich einem von ihm selbst ausgereizten Anleihemarkt konfrontiert und muß mit einer enormen Debitoren-Zahlungsunfähigkeit rechnen. Das westliche Währungssystem muß mit einer möglichen Hyperinflation rechnen. Diese Gefahren fordern von allen, die dafür verantwortlich sind, und auch von uns allen, die wir davon abhängig sind, eine kritische Sichtweise. Wir alle, ob einfacher Sparer, ob Mann oder Frau von der Straße, ob Vorstand eines riesigen Konzerns oder Regierungschef, haben das gleiche Anliegen: Die immanenten Fehler dieser beiden Systeme müssen aufgedeckt und korrigiert werden, damit Banken und Währungssysteme durch tragfähige Änderungen wieder gestärkt und sicherer gemacht werden können.

Es kann einfach nicht richtig sein, daß die Lösung wirtschaftlicher Schwierigkeiten einfach im Senken der Zinssätze liegen soll. Zinsen werden gesenkt, um Menschen zur weiteren Verschuldung zu ermuntern. Es kann auch nicht richtig sein, wenn Wirtschaftsexperten einstimmig behaupten, daß nur der Geldbestand nicht schnell genug wächst; denn der Geldbestand wächst nur durch neue Verschuldung. Der _ unausgesprochene _ Grundgedanke hinter diesen zwei Aussagen wäre, daß entweder nicht genug Menschen verschuldet sind oder daß diejenigen, die verschuldet sind, nicht weit genug in den roten Zahlen stecken. Es ist einfach absurd, ausufernde Verschuldung als den Weg zu einer gesünderen Wirtschaft zu propagieren.

Ich werde die Mechanik der Geldverleihaktivitäten des Bankensystems darstellen: wie sie eigentlich schon als täuschende Manipulation, als Vorspiegelung falscher Tatsachen begannen; wie das aus solchen trügerischen Mechanismen entstandene unredliche Geld Sparern und Rentnern Kaufkraft stiehlt und sie den Schuldenmachern schenkt; wie diese fragwürdige Praxis sanktioniert wurde und sich zu dem entscheidenden Mechanismus geformt hat, der unser Geld entwertet; und schließlich, wie Inflation, Konjunkturzyklen und andere scheinbar unabhängige Wirtschaftsgeschehnisse direkt von diesem Entwertungsmechanismus ausgehen. Ich werde darlegen, warum die bisherigen Versuche, Inflation in den Griff zu bekommen, gescheitert sind, und warum sie, solange wir unser Denken nicht ändern, immer wieder scheitern werden.

Eine neue Denkweise ist unbedingt erforderlich, und zwar auf der Grundlage einer klaren Einsicht in die Zusammenhänge des Geldsystems. Dieses Buch ist mein Beitrag zu dem notwendigen Prozeß der Entschlüsselung und Aufklärung.

Die von mir angebotenen Lösungen basieren auf dem, was ich für möglich und erreichbar halte. Meine Lösungsvorstellungen unterliegen nicht den üblichen "Wahrscheinlichkeiten" auf die uns die heute gängige Denk- und Handlungsweise einschränken möchte. Es ist möglich, unser jetziges Währungs- und Bankensystem so zu ändern, daß das Papiergeld, von dem wir alle so abhängig geworden sind, nicht mehr entwertet wird. Man kann Preise stabilisieren. Die Konjunktur- und Krisenzyklen, an die wir uns gewöhnen mußten, sind nicht nötig. Rezessionen und Depressionen lassen sich ebenso vermeiden wie damit meist einhergehende Massenarbeitslosigkeit. Dauerhaftes Wirtschaftswachstum kann erreicht werden. Es ist möglich, guten, kreativ produktiven Unternehmen einen verläßlichen Investitionsfluß zu sichern. Verantwortungsvolle Planung und Sparsamkeit können wieder geachtet und belohnt, anstatt bestraft zu werden. Alles das ist möglich. Und es kann und wird in einem ehrlichen Währungs- und Bankensystem zu verwirklichen sein. Das muß unser Ziel sein.

Es ist die Absicht dieses Buches unser westliches Währungs- und Bankensystem aus einer bisher noch wenig verbreiteten _ und wenn man so will: "alternativen" _ Sichtweise zu hinterfragen und wenigstens auf einige dieser Fragen Antworten anzubieten. Im Interesse der Klarheit und Verständlichkeit habe ich versucht, einschlägigen Fachjargon zu vermeiden und stattdessen eine einfache Sprache zu verwenden.

Oxford, im Oktober 1993
John Tomlinson

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ERSTER TEIL
Unredliches Geld

 

Die Inflation als Dieb

 

Baltimore, im Jahr 1937. Ein junger Mann geht die Straße entlang. In seiner Tasche hat er 750 Dollar Bargeld. Er ist unterwegs zum Ford-Händler, um sich ein neues Auto zu kaufen.

Auf seinem Weg kommt er an einer Bank vorbei. In ihrem Schaufenster hängt ein Plakat, das die Bevölkerung auffordert, U.S.-Regierungsanleihen zu kaufen. Er bleibt stehen, studiert das Plakat genau. Es erinnert ihn an den Rat, den er von seinem Großvater so oft gehört hat: klug zu sein und zu sparen.

Also geht er in die Bank, um sich zu erkundigen. Man erklärt ihm, daß er mit seinen 750 Dollar einen Sparbrief kaufen kann, der in zehn Jahren 1.000 Dollar wert sein wird. Er kommt zu dem Schluß, daß er eigentlich im Moment nicht unbedingt ein neues Auto braucht, und kauft sich stattdessen den Sparbrief.

Zehn Jahre später, als er bereits einen guten Wagen besitzt, entschließt er sich, seinen Sparbrief für weitere zehn Jahre zu verlängern. Weitere zehn Jahre später dann, im Jahr 1957, braucht er nun wirklich ein neues Auto und löst seinen Sparbrief ein. Der Erlös ist 1.450 Dollar, fast zweimal so viel, wie er ursprünglich investiert hat. Sehr zufrieden mit diesem Gewinn macht er sich auf den Weg zum Ford-Händler. Doch zu seinem Schrecken muß er feststellen, daß er mit seinen 1.450 Dollar nur einen halben Ford kaufen kann.

Diese Anekdote hörte ich vor mehr als dreißig Jahren während meiner Ausbildung als Broker für die New Yorker Börse. Der Dozent wollte uns mit der gleichnishaften Geschichte die Gefahren der Inflation deutlich machen. Keiner von uns Trainees in jenem Seminarraum damals hatte schon reale Erfahrung mit den Auswirkungen von Inflation. Aber vorstellen konnten wir uns die Gefühle des schockierten Mannes in der Geschichte des Dozenten durchaus: Er hatte einen halben Ford verloren und dabei zwanzig Jahre nicht über sein Geld verfügen können. Er dürfte es wie einen Raub empfunden haben, er wird wütend gewesen sein, erfüllt von Mißtrauen. Doch wem konnte er die Schuld dafür geben?

Nicht dem Geld, denn Geld ist über Schuld erhaben. Irgendjemand aber würde er dafür verantwortlich machen! Vielleicht doch das Geld?

Denn Geld, das laufend an Wert verliert, ist unredlich. Es verhält sich wie ein Dieb. Es stiehlt von denen, die sparen, und es beraubt diejenigen, die von festen Einkommen abhängen und _ darauf bauend _ langfristige Verträge schließen.

Und doch ist unsere heutige Gesellschaft extrem abhängig vom Geld: Wir verlassen uns auf Geld als Tauschmittel; wir benützen es als Maßstab für den Wert der Dinge. Wir betrachten Geld als sicheren Besitz, weil wir erwarten, daß erspartes Geld einen konstanten Wert behält. Wir brauchen Geld als Maßeinheit eines Tauschwertes: Es soll sowohl national wie auch international eine Norm bieten für den Austausch von Gütern, Waren und Dienstleistungen. Die Gesellschaft muß sich auf Geld verlassen können, sonst bricht unser gegenwärtiges Währungssystem zusammen.

Um dem Geld wirklich vertrauen zu können, brauchen wir Geldeinheiten, die präzise, vertrauenswürdig und konstant sind. In unserem Zeitalter der Inflation aber verliert Geld täglich an Wert.

Um zu verstehen, auf welche Weise Inflation ein Chaos verursacht, sollten wir ein anderes Maßsystem zum Vergleich heranziehen, das uns allen sehr vertraut ist, nämlich Zeit. Können Sie sich vorstellen, was geschehen würde, wenn unsere Maßeinheit für Zeit laufend kleiner würde?

Nehmen wir an, Großbritannien richtet sich nach der großen Turmuhr des Big Ben, eines der berühmten Wahrzeichen Londons, als nationale Zeitnorm. Was würde geschehen, wenn das Uhrwerk von Big Ben einen mechanischen Fehler hätte, der jede Minute um eine Sekunde verkürzt? Dann wäre die für Großbritannien maßgebliche Big-Ben-Minute nur noch 59 Sekunden lang.

Verfolgen wir diesen scheinbar kleinen Fehler weiter: Zwei Leute, jeder mit seiner eigenen richtiggehenden Uhr, verabreden sich auf einen Termin in drei Wochen zum Mittagessen um 12 Uhr in einem bestimmten Restaurant. Beide stellen ihre Uhren irgendwann während der folgenden drei Wochen nach der Turmuhr des Big Ben. Treffen werden sie sich aber nur, wenn sie das beide genau zur selben Stunde tun, und das ist sehr unwahrscheinlich. Ihre einzige realistische Chance sich zu treffen, besteht also nur dann, wenn keiner von ihnen seine Uhr nachstellt.

Und selbst wenn sie sich treffen, ist es mehr als wahrscheinlich, daß der Restaurantbesitzer seine Uhr zu einer anderen Zeit nachgestellt hat und um die Zeit, zu der sie sich zum Mittagessen treffen, keines mehr serviert. Denn nach Big Ben ist es jetzt 20:24 Uhr, und unsere beiden Freunde könnten beim Kellner ein abendliches Dinner bestellen, nicht aber ihr vereinbartes Mittagessen. Außerdem müßten sie auch in den folgenden Tag noch alles hineinquetschen, was sie an diesem Nachmittag hätten erledigen wollen.

Das wäre aber nicht alles, denn die Tage würden immer kürzer werden. Mehr und mehr unerledigte Besorgungen und 'verpaßte' Termine müßte man in immer kürzere Tage hineinpferchen. Immer schneller müßten Zeitpläne geändert, Prioritäten neu gesetzt und geänderte Maßnahmen angeordnet werden. Und keiner von uns, gleichgültig wie perfekt seine Uhr gehen würde, wäre synchron mit Big Ben oder mit den Uhren seiner Mitmenschen.

Das Ergebnis wäre ein unvorstellbares Chaos. In einem Restaurant zum Beispiel würden alle _ Lieferanten, Kellner, Köche und Gäste _ nach ihren eigenen Uhren gehen, deren 'Richtigkeit' davon abhinge, wann sie zum letzten Mal mit der Turmuhr von Big Ben abgeglichen wurden. Die Köche dürften Speisen fertig haben, wenn die Gäste sie nicht wollen. Kellner würden zu spät kommen, um die Speisen zu servieren. Die Lieferanten kämen, wenn das Restaurant geschlossen wäre, oder das Personal zu überlastet, um den Warenempfang abzuwickeln. Zufall und Glück, wann man gerade seine Uhr der von Big Ben angeglichen hat, wären wichtiger als gute Planung und vernünftige Prioritäten.

Planung würde man eher abwerten, während Änderungen zur normalen Tagesordnung gehörten und immer schneller stattfinden müßten. Überleben hinge davon ab, wie gut man sich diesen laufenden Änderungen anpassen kann, und überall würde man die Klage hören: "Wenn ich doch nur mehr Zeit hätte!" Zeit kann der Mensch aber nicht selbst herstellen. Die Zeit hätte inzwischen schon angefangen, den Menschen zu bestehlen. Sie wäre unehrlich geworden. 

Der Mensch kann jedoch sehr wohl Geld produzieren. Wie Zeit ist auch Geld eine Maßeinheit, nach der sich die Prioritäten für unseren individuellen Aufwand an Energie richten. In diesem Sinne sind sich Zeit und Geld ähnlich. Wo die Größe einer Geldeinheit dauernd geringer wird, treten ähnliche Folgen auf wie sie bei einer immer kürzer werdenden Stunde auftreten würden: Der Mensch wird um Werte bestohlen, auf deren Beständigkeit er vertraut.

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Ein Maßstab für die Unredlichkeit des Geldes

 

Kann man die Unredlichkeit von Geld überhaupt messen? Doch nur, indem wir ein Maß für seine Kaufkraft finden, also durch den Vergleich mit der Menge einer bestimmten anderen Ware, die man dafür kaufen kann. Eine Möglichkeit dazu wäre ein Laib Brot. Brot wird genau nach Bedarf hergestellt. Wenn es im Laden liegen bleibt, wird es altbacken und läßt sich nicht mehr verkaufen. Der Preis für Brot ist deshalb immer ein guter Index für den aktuellen Geldwert, den jeweiligen zeitlichen wirtschaftlichen Gegebenheiten von Bedarf und Produktionskosten angepaßt. Aus dem Vergleich der Entwicklung des Werts anderer Wirtschaftsgüter mit dem Wert von einem Kilogramm Brot können wir also einen Anhaltspunkt für die Unredlichkeit des Geldes ableiten.

Schauen wir uns einmal die Preise für Rohöl aus der Zeit bis zu der sprunghaften massiven Preiserhöhung im Jahr 1973 an. Auch in jenen Jahren davor war der Rohölpreis schon spürbar angestiegen: 1956 hatte sich der Iran nach einer längeren Stillegung seiner Ölfelder mit British Petroleum auf einen Preis von 513 Pennies pro Barrel Rohöl geeinigt. Damit hätte man im selben Jahr in England 46 Kilogramm Brot kaufen können. Bis 1968 war der Ölpreis dann schon auf 623 Pennies pro Barrel gestiegen, womit man sich in jenem Jahr aber nur noch 27 Kilo Brot hätte kaufen können. Im Oktober 1973, direkt vor der massiven Preiserhöhung, kostete das Barrel schon 1.316 Pennies, eine rein zahlenmäßig enorme Steigerung im Vergleich zu 1956. Und doch entsprach diese Summe immer noch nicht dem damals vereinbarten Vergleichswert von 46 Kilogramm Brot, sondern hatte nur die Kaufkraft für 33 Kilo Brot.

Preis und Kaufkraft eines Barrels Rohöl

Datum Preis in Pennies Kaufkraft in Kilo Brot
1956 512.5 100.8
1968 623.4 59.6
1/10/1973 1315.9 73.2

An Brot-Kaufkraft gemessen hatten die Iraner 16 Jahre lang nur verloren. Über fast zwei Jahrzehnte mehr als 25 Prozent der Kaufkraft. Doch als sie versuchten, einen Teil dieser Verluste mit massiven Preiserhöhungen wieder zurückzugewinnen, wurden sie als Erpresser der westlichen Welt angeprangert. Und daran wird der grundlegende Konflikt überdeutlich, um den es in diesem Buch geht: 

Geld ist ein Dieb, es hat keinen verläßlichen Wert mehr. Kein vernünftiger Mensch würde einem Dieb Vertrauen schenken. Wir aber müssen diesem Geld täglich vertrauen.

Sobald wir die Mechanik der Turmuhr von Big Ben wieder repariert haben, löst sich das Chaos auf, das aus der dauernden Verkürzung der Zeiteinheit entstanden war. Die Normeinheit für Zeit ist wieder konstant, und alle Handlungen und Abläufe lassen sich wieder synchronisieren. Um wieder ein ehrliches Geldsystem zu bekommen, müssen wir den grundlegenden Fehler in der Mechanik unseres Währungssystems finden und reparieren, damit jede Geldeinheit wieder ihren konstanten Wert erhält und beibehält.

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Vertrauensverlust 

 

Während der 60er und Anfang der 70er Jahre beschlossen einige Bürger der gutsituierten britischen Mittelklasse, sich nach der Pensionierung in Portugal niederzulassen. Dort waren luxuriöse Villen für 15.000 Pfund Sterling zu kaufen; Lebensunterhalt und Dienstleistungen einschließlich Hausmädchen, Gärtner und Wartung des Swimming Pools machten ingesamt pro Jahr nur 2.000 Pfund aus. Also konnte man sich mit einer jährlichen Pension von 4.000 Pfund solche Ausgaben bequem leisten. Noch dazu das wärmere Klima und die Lebensweise in Portugal: Viele Ehepaare freuten sich auf ihre goldenen Jahre in angenehmem Klima und sorgenfreier Behaglichkeit.

Schon 1978 aber waren viele ältere Ehepaare dort mit dem Problem konfrontiert, ihre großen Häuser und Gärten selber unterhalten und oft auch den Swimming Pool selbst reinigen zu müssen. Je älter die Menschen wurden, desto drückender wurde die psychische und physische Belastung. Lebensunterhalt und Wartung der Häuser waren auf jährlich 6.000 Pfund gestiegen. Renten aber sind ein festes Einkommen. Statt sorgenfreier goldener Jahre, sahen viele desillusionierte Pensionisten finanzielle Probleme heraufkommen, manche waren sogar vom finanziellen Ruin bedroht. Ihre sorgfältige Planung war katastrophal danebengegangen. Viele beschuldigten ihre Makler, Anwälte oder Banker, sie schlecht beraten und in ein finanzielles Abenteuer gelockt zu haben, doch mußten sie sich anhören, daß niemand den Ölpreisanstieg vom 16. Oktober 1973 und die darauf folgende massive Inflation hätte voraussagen können.

Das ist aber einfach nicht wahr. Der New Yorker Börsenmakler, der uns von dem Mann erzählte, der einen Ford kaufen wollte, warnte uns bereits zehn Jahre vor dem dramatischen Ölpreisanstieg vor den Gefahren der Inflation. Er war besorgt um das Chaos, das folgen würde, nachdem dem U.S.-Dollar die Golddeckung entzogen worden war, und er sagte die schwerwiegende Inflation voraus, die dadurch verursacht wurde. Viele sahen diese Gefahr nicht, doch war er bestimmt nicht der einzige Banker mit Weitblick. Leider geben die meisten professionellen Ratgeber ihre Fehler ungern zu, und unterliegen dem menschlichen Bedürfnis, nach einer Ausrede zu suchen: Die OPEC (Organisation Petroleum-Exportierender Länder) und ihre Aktivitäten boten sich in der Vergangenheit dazu als Sündenbock geradezu an.

Der Gedanke, daß Inflation nur eine Folge des Ölpreisanstiegs gewesen sei, ist einfach unlogisch. Wir haben bereits gesehen, wie ein Mann, nachdem er den Preis für einen nagelneuen Ford zwanzig Jahre lang gespart hatte, 1957 kaum mehr als einen halben neuen Ford kaufen konnte. Er erlebte schon sechzehn Jahre vor 1973 die üblen Folgen der Inflation. Auch wer mit der Geschichte Deutschlands zu Anfang der 20er Jahre vertraut ist, wird bestätigen, daß Inflation keine neue Erscheinung ist _ und dem sollte sich jeder anschließen, der behauptet, etwas von Wirtschaft und Wirtschaftsgeschichte zu verstehen. Doch Viele ließen ihren Ärger an der OPEC aus, als sei sie allein an der Inflation schuld.

Als die in den 60er Jahren entstandene OPEC am 16. Oktober 1973 ihre Muskeln spielen ließ, war das für den Westen ein großer Schock. Doch vom Standpunkt des Iran aus gesehen, war diese erste Preiserhöhung durch die OPEC gar nicht übertrieben. Der Preis für ein Barrel Rohöl wurde von 1.316 auf 2.347 Pennies erhöht _ in Zahlen ein massiver Anstieg, fast auf das Doppelte; aber auf einen konstanteren Wert bezogen, auf den Brotpreis, war es doch nur eine Preiserhöhung um knapp dreißig Prozent gegenüber dem 17 Jahre zuvor, also 1956, zwischen dem Iran und British Petroleum vereinbarten Gegenwert von 46 Kilogramm Brot. Im Lauf der 17 Jahre von 1956 bis zu dem "schockierenden" 16. Oktober 1973 war der Preis für ein Barrel Rohöl zwar um 803 Pennies von 513 auf 1.316 Pennies gestiegen, dabei aber auf den realen Gegenwert von 33 Kilo Brot gefallen. Durch den Geldwertverfall war der Iran im Lauf der Jahre durchschnittlich um mehr als zehn Kilo Brot pro Barrel Rohöl gebracht worden. Diese jahrelangen Verluste versuchte die OPEC jetzt, im Herbst 1973, mit ihrer Preisanhebung um beinahe das Doppelte wenigstens zum Teil wieder aufzufangen.

 

Datum Preis in Pennies Kaufkraft in Kilo Brot
1956 513 46
1968 623 27
1.10.1973 1316 33
16.10.1973 2346 59

Preis und Kaufkraft eines Barrels Rohöl

 

Dabei hatte British Petroleum die ganze Zeit durchaus in gutem Glauben gehandelt. 1956 hatten die Briten 513 Pennies vereinbart und diesen Betrag 1968 um 20 Prozent erhöht. Zum 1. Oktober 1976 stockten sie den Preis um weitere 100 Prozent auf. Ich konnte keine Anzeichen dafür entdecken, daß British Petroleum die Absicht hatte, die Iraner hinters Licht zu führen, um sich selbst dadurch übermäßig zu bereichern. Dennoch verlor der Iran letztlich bei diesem Geschäft. Diese Verluste führten schließlich dazu, daß die Iraner die Integrität und Ehrlichkeit ihrer westlichen Handelspartner in Frage stellten.

Im Gefolge der OPEC-Preiserhöhungen schraubten viele andere Branchen die Preise ihrer Produkte und Dienstleistungen hoch _ manche, weil mit dem Ölpreis ihre eigenen Kosten gestiegen waren, andere, weil sich dazu unauffällig die Gelegenheit bot. Der einfache Bürger spürte an jeder Ecke die einschneidende Auswirkung der Inflation. Viele verlangten daraufhin höhere Löhne. Sie sagten, OPEC oder die Regierung oder sonst jemand sei schuld daran, und ignorierten, welchen Einfluß die Mechanismen des Währungssystems und die Praktiken der Banken im Vorfeld dieser Entwicklung gehabt hatten. Langfristig gesehen, gingen sowohl der Westen als auch die Iraner als Verlierer aus dieser Situation hervor. Anstatt gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen, gerieten sie in einen Konflikt. Und das System des unredlichen Geldes ist dafür verantwortlich.

Inflation ist ein Grundproblem des westlichen Währungs- und Banksystems. Sie beweist, daß irgendwo ein großer Fehler liegt. Wir müssen herausfinden, wo, und dazu müssen wir die grundlegenden Mechanismen dieses Systems kritisch betrachten. Zunächst also müssen wir genau definieren, was wir unter 'Inflation' verstehen.

Es gibt zweierlei Gründe für Preiserhöhungen. Entweder ist der Wert eines Produktes gestiegen, oder die Einheit, die zum Festlegen des Preises benützt wird, hat an Wert verloren. Der Wert eines bestimmten Produktes steigt aufgrund von Angebot und Nachfrage, aufgrund seiner Eigenschaften oder wegen anderer Markteinflüsse. Änderungen dieser Faktoren können freilich umgekehrt, auch einen Preisverlust verursachen. Solche Preisschwankungen ergeben sich jedoch aus den normalen Gegebenheiten des Marktes.

Anders bei Inflation: Inflation dagegen ist ein allgemeiner Preisanstieg; alle Preise gehen hoch. In Preisziffern ausgedrückt scheint der Wert von Sachen und Dienstleistungen gestiegen, doch hat nur das Geld an Wert verloren. Man kann Inflation demnach als Wertverlust des Geldes sehen und sie als reines Währungsphänomen betrachten.

In unserem modernen Papiergeldsystem besteht keine direkte Verbindung zwischen dem Drucken eines Geldscheines und der Menge an Produkten oder Gütern, die man mit ihm erwerben kann. Ohne gleichzeitigen Anstieg der Deckung wird jede Erhöhung der Anzahl von Geldeinheiten automatisch den Tauschwert aller bisher im Umlauf befindlicher Einheiten verringern. Im Vergleich zu vorher braucht man dann für bestimmte Waren oder Dienstleistungen mehr Geldeinheiten. Mit anderen Worten: die Preise steigen.

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Die falschen Maßnahmen

Zinsen werden von den "Währungshütern" _ Regierungen und Zentralbanken _ gerne als Methode zur Steuerung der im Umlauf befindlichen Geldmenge benützt. Zinsen sind der Betrag, den der Kreditgeber, vom Kreditnehmer dafür verlangt, daß dieser sein Geld benützen darf. Die Zahlung von Zinsen überträgt bestehende Geldeinheiten von einer Person oder einem Geschäft zum anderen. Eine derartige Umverteilung schafft keine neuen Geldeinheiten, ist also an sich noch nicht inflationstreibend. Jede Erhöhung der zu zahlenden Zinsen erhöht einfach die Anzahl der Geldeinheiten, die der Kreditnehmer dem Geldverleiher zu übertragen hat. Das erhöht natürlich Einkommen und Gewinn des Verleihers und wird ihn dazu ermutigen, mehr zu verleihen.

Im Laufe dieser Betrachtung werden wir sehen, daß es die neuen Nettokredite sind, die die im Umlauf befindliche Geldmenge erhöhen. Und hierin liegt die eigentliche Ursache der Inflation. Indem man die Zinsen erhöht, gibt man einfach den Verleihern einen größeren Anreiz, mehr zu verleihen. (Dazu muß man nur die letzte Periode hoher Zinssätze in Großbritannien betrachten: Während dieser gesamten Zeitspanne waren die Briefkästen voll mit Werbung von Banken und anderen Kredit-Instituten, die Kredite, Kredite und nochmal Kredite anboten.) Kurzfristig gesehen ist dieser Mechanismus für das Geldsystem zumindest schädlich, über lange Zeit gesehen jedoch wirkt er zerstörerisch.

Höhere Zinssätze erhöhen die Kosten des Kreditnehmers und verringern so die Summe, die ihm zum Ausgeben bleibt. Auch seine Kunden (im großen und ganzen alle, in der einen oder anderen Form, ebenfalls Kreditnehmer) haben weniger zum Ausgeben und kaufen deshalb weniger, was wiederum das Einkommen des Kreditnehmers verringert. Sein Gewinn wird von beiden Seiten reduziert. Aus einer höheren Perspektive gesehen reduziert sich die Produktion und damit der Umsatz von Gütern und Dienstleistungen, des eigentlichen Reichtums der Gesellschaft, und dem Markt wird immer mehr Kraft entzogen. Fleißige und redliche Geschäftsleute müssen mitansehen, wie ihnen trotz aller Bemühungen der Teppich unter den Füßen weggezogen wird _ durch Faktoren, über die sie keine Kontrolle haben.

Zinserhöhungen rauben unserem Wirtschaftssystem die Vitalität. Sie reduzieren nicht die Inflation, sondern zerstören die Wirtschaft. Sie sind der falsche Weg zur Stabilität. Inflation kann nur behoben werden, indem man die Produktion zusätzlicher Geldeinheiten stoppt.

Da aber die Einforderung von Zinsen und ihre Zahlung keine zusätzlichen Geldeinheiten produziert, müssen wir die grundlegenden Mechanismen unseres Währungs- und Bankensystems kritisch durchleuchten, um genau herauszufinden, wo die Produktion neuer Geldeinheiten tatsächlich stattfindet. Dann müssen wir die Ursache für ihre Neuproduktion ausschalten. Das ist das Minimum an erforderlichen Maßnahmen, wenn man darangehen will, den Fehler zu beheben und ein genaueres und verläßlicheres System zu schaffen.

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Das System der Täuschung

 

Vor ungefähr hundert Jahren gründete ein Herr Goldschmied die Jedermannbank. Sein erster Kunde, ein Herr Sicher, kam mit einer Goldmünze, um sie zu deponieren. Herr Goldschmied gab ihm eine Quittung dafür. Dann kam Herr Knapp, um sich eine Goldmünze zu leihen, damit er von Herrn Trainer ein Pferd kaufen konnte. Herr Trainer nahm die Goldmünze von Herrn Knapp als Zahlung für das Pferd entgegen, brachte sie zur Jedermannbank und deponierte sie bei Herrn Goldschmied. Der gab auch ihm dafür eine Quittung. Das war der übliche Verlauf von Transaktionen, solange der Goldstandard als Währungssystem noch noch bestand.

Das Eigenartige an dieser Geschichte ist aber, daß Herr Goldschmied zwei Quittungen ausgestellt hatte, obwohl da nur eine Goldmünze weitergereicht worden war. Beide Quittungen hatten Gültigkeit auf dem Markt, aber es gab da nur eine Goldmünze, auf die sich sowohl Herr Sicher als auch Herr Trainer berufen konnten. Dem Markt wurde also auf diese Weise vorgetäuscht, daß es eine Goldmünze mehr gab, als tatsächlich der Fall war. Auf diese Weise entsteht ein System, das zur Vorspiegelung falscher Tatsachen führt.

Gehen wir zurück zum Beginn des Bankwesens, um besser zu sehen, wie es dazu kam. Unser heutiges System stammt direkt von den Geldverleihpraktiken der frühen Goldschmiede ab. Angenommen, wir lebten in den Zeiten, da der Handel noch in den Kinderschuhen steckte, als der Goldstandard gerade erst Gestalt anzunehmen begann, und Sie hätten Gold, das Sie sicher aufbewahren wollen. Dann hätten Sie mehrere Möglichkeiten: Sie könnten es immer bei sich tragen, was mit einer einzigen Goldmünze nicht weiter problematisch oder gar gefährlich wäre. Wären Sie aber nun ein reicher Goldschmied, der große Mengen Gold sicher aufzubewahren hat, bräuchten Sie wahrscheinlich einen Tresor und könnten sich ihn wohl auch leisten. Wenn Sie dagegen zwar zuviel Gold hätten, um es dauernd bei sich zu tragen, aber doch nicht genug, um einen eigenen Tresor zu rechtfertigen, dann wäre es wahrscheinlich, daß Sie mit einem Goldschmied vereinbaren, er möge es auf einem Brett in seinem Tresor sicher aufbewahren. (Das italienische Wort für "Brett", banco, wurde in die anderen europäischen Sprachen übernommen und bald als Begriff für die ganze Institution verwendet; aus dem Brett im Lagerregal des Geldwechslers und Geldverleihers ist die Bank geworden.) Der Goldschmied würde Ihnen dafür eine Quittung ausstellen, also einen gültigen Anspruch auf Ihr Gold in seinem Tresor.

So etwa wurden die Dinge zu Beginn der modernen Wirtschaftsgeschichte gehandhabt. Der nächste _ logische _ Schritt war, daß die Eigentümer der Quittungen des Herrn Goldschmied anfingen, anstelle ihrer schweren Goldmünzen selbst, einfach diese leicht einzustekkenden Bestätigungen als Tauschmittel zu benützen. Das war ja auch sicherer, als das Gold auf den Markt mitzunehmen. Um den Handel zu erleichtern, begannen Goldschmiede _ oder, wie sie dann hießen, die Bankiers _, Standardquittungen für bestimmte Goldmengen herauszugeben, wie sie üblicherweise im Handel verwendet wurden. Wenn also jemand sein Gold zu ihnen zur Aufbewahrung brachte, erhielt er dafür eine entsprechende Anzahl dieser Standardquittungen.

Ob diese Quittungen auf dem Markt von dem Verkäufer einer Ware nun als Zahlungsmittel akzeptiert wurden, hing ganz von der Vertrauenswürdigkeit des betreffenden Goldschmieds beziehungsweise Bankiers ab, er mußte bereit und in der Lage sein, jede dieser Quittungen einzulösen. Wenn er Quittungen für mehr Gold ausgestellt hätte, als er in seinem Tresor hatte, würde er sie eben nicht mehr alle einlösen können, und entweder würden manche Besitzer seiner Quittungen das ihnen zustehende Gold nicht bekommen, oder alle Besitzer seiner Quittungen würden weniger Gold erhalten, als dem vollen Wert ihrer Quittungen entspräche.

Ohne Anerkennung dieser grundlegenden Zusammenhänge ist kein schriftlicher Anspruch und keine Quittung gültig. Wenn die Deckung _ das Gold _ nicht vorhanden ist, dann ist der Nominalwert eines Papiers bedeutungslos. Dann gerät auch die Seriosität des Ausstellers dieser Quittung in Zweifel und damit gleichzeitig auch der durch die Quittung ausgedrückte Anspruch oder Wert. Dieser Zweifel schließlich hat in der Folge Auswirkungen auf die Akzeptanz des Papiers auf dem Markt.

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Wertlose Ansprüche

Es gibt viele Faktoren, die die Quittung des Goldschmieds im Wert mindern können. Da gibt es zum einen den Diebstahl, der dazu führt, daß nicht mehr genug Gold da ist, um alle berechtigten Ansprüche zu befriedigen. Einen echten Einbruchdiebstahl kann man dem Goldschmied nicht persönlich anlasten. Es lassen sich aber vier problematische Situationen anführen, die aus vorsätzlichen Handlungen des Goldschmieds herrühren könnten:

  1. Er könnte für nicht erhaltenes Gold Quittungen ausgestellt und diese selber auf dem Markt für persönliche Einkäufe benützt haben. (Geld-Fälschung)
  2. Er könnte einen Teil des Goldes, für das er bereits Quittungen ausgestellt hatte, für seine eigenen Geschäfte auf dem Markt benützt haben. (Untreue, Unterschlagung)
  3. Er könnte Quittungen geschrieben haben, für die er kein Gold erhalten hatte, und sie an Dritte ausgeliehen haben. (Betrug)
  4. Er könnte das Gold selbst, für das er bereits Quittungen ausgestellt hatte, einem Dritten geliehen haben. (Das übliche Kreditgeschäft)

Jede dieser Handlungen hätte eindeutig zu einem Mißverhältnis geführt zwischen der tatsächlich zum Einlösen der Quittungen verfügbaren Menge an Gold und der Menge, für die solche Quittungen ausgestellt wurden. Bei jedem dieser Fälle hätte es sich um eine vorsätzliche und eigennützige Handlung des Goldschmieds gehandelt, und bestimmt haben manche Goldschmiede früher tatsächlich versucht, sich auf diese Weise zu bereichern.

Natürlich ist es schwierig zu wissen, wann ein Goldschmied so etwas tut. Wenn man keinen Zugang zu seinen Geschäftsbüchern hat, sind Veränderungen in seinen persönlichen Ausgaben der einzige Hinweis dafür, daß er vielleicht das Gold seiner Kunden zum eigenen Vorteil mißbraucht. Deshalb mußten Anleger damals sehr darauf achten, ob sich der Lebensstil ihres Goldschmieds auffällig änderte. Wurde ein solcher verdächtiger Anstieg seiner Einkäufe beobachtet, konnte man die Liquidität des Goldschmieds nur prüfen, indem man alle von ihm ausgestellten Quittungen gleichzeitig präsentierte. Konnte er sie einlösen, war seine Vertrauenswürdigkeit wieder hergestellt.

Kredite wurden und werden aber gerne vertraulich behandelt. Deshalb war es immer schon schwierig, aus Veränderungen der Verhaltens- und Lebensweise eines Goldschmieds herauszulesen, ob er das Gold anderer Leute verlieh oder Quittungen ausstellte, die ohne die entsprechende Golddeckung waren. Solche Transaktionen blieben ja eine Sache der Diskretion zwischen dem Schuldner und dem Goldschmied, und falls sich der Goldschmied umsichtig verhielt, war eine unmittelbare Veränderung höchstens im Konsumverhalten des Schuldners feststellbar. (Bankiers haben sich ihre Reputation für umsichtiges, seriöses und kluges Verhalten nur deshalb erarbeitet, um einen von Angst und Mißtrauen ausgelösten Ansturm auf die Einlagen zu verhindern. Denn dann müßten sie beweisen, daß sie noch in der Lage sind, alle ausgestellten Quittungen einzulösen.) Trotz alledem hätte der Goldschmied in einem der oben angesprochenen vier Fälle sowohl das in ihn gesetzte Vertrauen mißbraucht, als auch sich persönlich bereichert.

In der Kreditvergabe liegt der Ursachenkern der Mißverhältnisse und Spannungen, wie wir Sie heute auf den Geldmärkten erleben. Die von der Praxis des Geldverleihs ausgehenden Auswirkungen können sehr tückisch sein. Also sollten wir diese Praxis genauer untersuchen.

Eine der ersten Folgen einer Anleihe ist, daß man den Markt _ fälschlicherweise _ glauben macht, es stünde mehr Gold zur Verfügung als das real der Fall ist. Sehen wir uns noch einmal an, was geschah, als Herr Knapp ein Pferd kaufte: Herr Trainer und Herr Sicher hatten je eine Quittung für dieselbe Goldmünze _ eine Verdrehung von Tatsachen. Diese Verdrehung wird durch eine allgemein übliche Buchhaltungspraxis verschleiert:

Deposits: 2 Goldmünzen Guthaben: 1 Goldmünze
  Loans: 1 Goldmünze
  2 Goldmünzen   2 Goldmünzen

Die Bilanz scheint damit ausgeglichen und in Ordnung, obwohl Herr Goldschmied in Wirklichkeit für mehr Goldmünzen Quittungen ausgestellt hatte, als in seinem Besitz waren. Diese Unstimmigkeit wäre klar zutage getreten, hätte er die Bilanz folgendermaßen geschrieben:

Erhalt quittiert: 2 Goldmünzen
Vorhanden: 1 Goldmünzen

Es ist in diesem Zusammenhang völlig gleichgültig, welche Art von Sicherheit eine Bank zur Deckung eines ausgegebenen Kredits hält. Eine Goldmünze wird es bestimmt nicht sein, sonst wäre der Kredit gar nicht nötig. Auch wird die Deckung nicht zur Goldmünze werden; man kann höchstens eine Goldmünze dafür eintauschen. Dabei wechselt nur eine bestehende Goldmünze den Besitzer, eine weitere Goldmünze bringt ein solcher Tausch aber nicht hervor.

Nachdem jedoch durch den Geldverleih der Eindruck erweckt wird, es existierten ganz real zwei Goldmünzen, muß in der Geldverleihfunktion des Bankensystems ein Fehler liegen. 

Es ist die Methode der Kreditvergabe durch Banken selbst, die eine Illusion, d.h. die Vorspiegelung falscher Tatsachen erzeugt. Das System an sich ist unredlich. Dennoch ist die Kreditvergabe selbstverständliches Alltagsgeschehen geworden und wird als durch und durch rechtmäßig anerkannt.

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Ungültige Ansprüche _ rechtmäßig gewendet

 

Ein Mann in New Jersey versuchte einmal, den Markt für Sojabohnenöl zu seinen Gunsten zu manipulieren, und zwar mit ähnlichen Methoden wie den im normalen Bankverkehr üblichen. Er kaufte und bezahlte einen Speichertank voll Sojaöl. Dann lud er seinen Banker ein, das gebunkerte Öl auf Quantität und Qualität zu prüfen, und borgte sich beim ihm gegen diese Sicherheit den entsprechenden Betrag. Damit kaufte er sich ein Terminpapier über die Belieferung mit der gleichen Menge Sojaöl. Dann pumpte er das Öl von seinem ersten Tank in einen anderen und füllte den ersten mit Wasser, damit er immer noch voll aussah. Sein Kredit machte ihm keine Sorgen; der war ja durch das Terminpapier gedeckt.

Nun lud er wieder seinen Banker zum Qualitäts- und Quantitätstest ein und holte sich wieder einen Kredit _ gegen den neuen Tank als Sicherheit. Er kaufte ein weiteres Terminpapier und wiederholte den Vorgang in der Hoffnung, den Markt für Sojabohnenöl zu beherrschen und die Preise zu seinem Vorteil hochzutreiben. Dabei hatte er jeweils den Inhalt der ersten Tankfüllung weggepumpt und ihn mit dem rechtsgültigen Versprechen ersetzt, die gleiche Menge Öl zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft zu liefern.

Eventuell Bild? Bild 3 Die Sojaöl-Spekulation

Genau das macht eine Bank mit unseren Einlagen. Sie werden buchstäblich weggepumpt, und stattdessen erhalten wir einen Anleihevertrag. Anleiheverträge sind Versprechen, dem Verleiher bis zu einem bestimmten Termin einen bestimmten Betrag zurückzugeben.

Der Sojaölmann in New Jersey flog schließlich auf, kam vor Gericht und wurde wegen Betrugs verurteilt. Doch Banker, die im Grunde das gleiche mit unserem Geld tun, gelten weiter als gesetzestreue Geschäftsleute _ und sind es tatsächlich auch. Ihre Täuschungshandlung ist längst legitimiert. Diese Legitimierung geschah vor so langer Zeit, daß es fast keinem heutigen Banker und Bankkunden mehr bewußt ist. Heute gelten Bankiers als wichtige Säulen der Gesellschaft. Keiner der mir bekannten angesehenen Wirtschaftswissenschaftler oder Finanzexperten hat je die Gültigkeit des Geldverleihmechanismus unseres Bankensystems in Frage gestellt. Von allen wird er als Tatsache an- und hingenommen.

Dieses System der Täuschungen zeigt sich dann von seiner schlimmsten Seite, wenn Banken mit der Behauptung gegen Lohnerhöhungen argumentieren, diese seien inflationstreibend. Solche Kommentare klingen dann wie Hohn in den Ohren von Lohn- und Gehaltsempfängern, die die Erhöhungen oft nur verlangen, um die Kaufkraft wiederzuerlangen, die ihnen aus ihren Lohntüten gestohlen wurde. Sie erleben nur, daß, aus Gründen die sie meist nicht ganz verstehen, ihr Verdienst ihren Lebensstandard nicht mehr recht gewährleisten kann. Diese Forderungen nach höheren Löhnen und Gehältern führt dann auch immer wieder zu Konflikten und Arbeitskämpfen.

Daran können wir wieder sehen, wie unredliches Geld Keile zwischen ehrbare Menschen treibt und sie gegeneinander aufhetzt. Und dann prangern Banker und Industriellen auch noch die 'Habgier' der Arbeitnehmer an. Allerdings können wir jetzt sehen, daß es eben nicht die Habgier der Arbeitnehmer ist, die die Kaufkraftverluste verursacht, sondern die Handlungsweise der Banken. Die Ungerechtigkeit solcher Kommentare von Unternehmer- und vor allem Bankerseite ist vor diesem Hintergrund schlichtweg empörend.

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Verdrehte Logik

Wie wir am Beispiel der Goldmünzen im vorigen Kapitel gesehen haben, wird ein Geldsystem dann unredlich, wenn einer Methode zur Aufbewahrung und Verteilung von Geld ein Geldverleihmechanismus aufgepfropft wird. Und das sollte so eigentlich nicht von der Gesetzgebung sanktioniert werden. Indem man diese Täuschung gesetzlich salonfähig macht, stellt man jede Logik auf den Kopf. Daß institutionalisierter Geldverleih überall betrieben und akzeptiert wird, will uns glauben machen, daß er ein vernünftiger Mechanismus sei. Doch basiert er grundsätzlich auf der Verfälschung von Tatsachen. Er ist unredlich und verdient an sich keinerlei Schutz durch Gewohnheitsrecht oder gar parlamentarisch bestimmtes Gesetz.

Der geschilderte Mechanismus des Geldverleihens wird aber nach wie vor vom Gesetzgeber unterstützt, und der Umfang der Verfälschungen und Täuschungen nimmt ständig zu. Das Ausmaß der Abweichungen läßt sich ermessen, wenn man die Summe aller ausstehenden Kredite aller Banken eines jeweiligen Bankensystems errechnet und davon das tatsächlich liquide Kapital dieser Banken abzieht. Jedesmal, wenn die Banken die Nettosumme ihrer Kredite erhöhen, steigt damit auch die Summe der Abweichungen an, und jede umlaufende Geldeinheit wirddementsprechend an echter Kaufkraft verlieren.

Dieser Wertverlust müßte eigentlich auf dem Markt sofort spürbar sein, ist es aber nicht. Selbst unter dem Goldstandard blieben Preise beispielsweise auch zu Zeiten stabil, in denen die Täuschung laufend praktiziert wurde. Verborgen vor der Öffentlichkeit tat sich eine immer weitere Kluft auf zwischen der Summe der Ansprüche auf eingelegtes Gold und der verfügbaren Menge an Gold zur Begleichung der Ansprüche. Und mit jedem ausgegebenen Kredit wurde die Kluft breiter. Nur wußten die Eigentümer der Ansprüche nichts davon, sondern glaubten, sie könnten jederzeit ihre Papiere für soviel Gold eintauschen, wie ihnen darauf versprochen war. Solange dieser Glaube unerschüttert blieb, wurde jedes Papier so behandelt, als ob es die darauf versprochene Menge Gold sei.

Das Vertrauen der Kunden wurde damit zum eigentlichen Kapital einer erfolgreichen Bank. Es war unerheblich, daß eine Bank zu keiner Zeit alle von ihr ausgestellten Papiere hätte einlösen können, falls sie zur gleichen Zeit präsentiert worden wären. Wichtig war nur, daß einzelne Ansprüche gedeckt werden konnten, wenn deren Eigentümer sie vorlegten. Man richtete sogar Institutionen ein, die Anleger beruhigen solllten, daß ihre Anlagen sicher seien _ sogenannte Einlagenversicherungen. Dank der Existenz dieser Versicherungen konnten Geldverleiher den Umfang ihrer Verfälschungen folgenlos weiter vergrößern, und trotz des vermehrten Ungleichgewichts blieben die Preise stabil.

Gold hatte einen realen Mindest-Tauschwert: Man brauchte es als wichtigstes Mittel zum Tausch und als Rücklage für spätere Geschäfte. Gold war selten und schwer zu finden; es bedurfte eines großen Aufwands, es zu schürfen und aufzubereiten. Es wurde nicht für weniger verkauft, als der Aufwand, es zu produzieren, gekostet hatte. Wenn die Nachfrage nach Gold fiel, fiel auch sein Tauschwert, also wurde weniger davon produziert. Sobald weniger produziert wurde, stand dem Markt weniger Gold für seine Zwecke zur Verfügung, und sein Wert begann wieder zu steigen. Diese Faktoren sorgten für eine Preisuntergrenze, unter die selbst massivste Ungleichgewichte den Wert von Gold nicht drücken konnten.

Deshalb existierte auch ein Mindestwert, unter den die Papieransprüche auf Gold _ in den meisten Fällen in Form von Geld _ nicht fallen konnten, außer ihre Besitzer hätten erkannt, daß nicht mehr jedes Papier für die Menge Gold eingetauscht werden konnte, die darauf versprochen war. Nur dann könnte der Tauschwert dieser Papiere zusammenbrechen.

Dieser Gefahr stand das westliche Währungs- und Bankensystem in den 30er Jahren gegenüber. Wären damals die wertlosen Papiere für ungesetzlich und damit für ungültig erklärt worden, so wäre der Tauschwert von Gold entsprechend der Diskrepanz zwischen Papiergeld und Golddeckung gestiegen. Sobald der Wert von Gold _ oder in jenem Fall Geld _ gestiegen wäre, wäre weniger davon zum Tausch gegen Güter und Dienstleistungen nötig gewesen als vorher. Die Preise wären also gefallen. Die Kaufkraft der Besitzer von Gold und von berechtigten Ansprüchen auf Gold wäre gestiegen; die bestehende Menge Gold hätte dadurch einem größeren Volumen an Geschäften genügt. Doch das wurde verhindert, indem man die wertlosen Ansprüche _ das Geld, das in Wirklichkeit nicht mehr genügend durch Gold gedeckt war _ als rechtmäßig anerkannte und stattdessen das Gold als Zahlungsmittel aus dem Verkehr zog.

Die Probleme, denen die Währungshüter und das Bankwesen damals, in den späten 20er und weiter dann in den 30er Jahren, gegenüberstanden, waren eine direkte Folge der gängigen Geldverleihpraxis der Banken. In Großbritannien beispielsweise war bis dahin ein 'Pfund Sterling' die Bezeichnung für ein Papier, das einem legalen Anspruch auf eine Viertelunze Gold entsprach. Sowohl die privaten Geschäftsbanken als auch die Bank von England gaben Pfundnoten heraus, und überall wurden diese als Einlagen und Sicherheit akzeptiert, als ob es tatsächlich das darauf versprochene Gold selbst wäre. Und gleichermaßen verliehen die Nationalbank sowie Geschäftsbanken ihre Pfundnoten auch wieder. Die Akzeptanz als Einlage gegen Quittung, und die Verwendung für Kredite, potenzierte den Anstieg der Ungleichgewichts nur noch. Die Mechanik des Geldverleihs verschleierte sowohl die dem Markt verfügbare Menge an Gold als auch die Summe der gegen Gold ausgestellten gültigen Ansprüche.

Es dauerte lange, bis genügend Leute den Verdacht schöpften, daß sie ihre Papiere vielleicht nicht gegen die Menge Gold würden einlösen können, die darauf genannt war. Und bis dahin hielt sich der Tauschwert des Goldes wie auch der Ansprüche auf Gold sehr stabil um den Mindestwert, unter den Gold nicht zu drücken war. Als schließlich genügend Leute den wahren Sachverhalt ahnten, handelten sie aus natürlichem Eigeninteresse: sie wollten nicht die Papiere, das Versprechen für die Zukunft, sondern sie wollten ihr Gold. Die britischen Banker mußten der Wahrheit ins Auge blicken: Die Banken hatten zu wenig Gold, um alle ausgestellten Papiere einzulösen. Großbritannien stand vor dem Zusammenbruch seines Währungssystems.

In den Vereinigten Staaten war die Situation ähnlich, nur noch verschlimmert dadurch, daß Aktien als Sicherheiten für Kredite angenommen worden waren. Dadurch, daß Banken ihren Kunden für Aktienkäufe bis zu 90 Prozent des Aktienpreises als Kredit zur Verfügung stellten, entstand ein 'Angebots-Hebel', der die Aktienkurse immer höher trieb. Auch dann blieben die Kreditgeber bereit, für jeden Aktienkauf 90 Prozent des Kaufpreises vorzustrecken. Bald stiegen die Aktienkurse unhaltbar hoch, der Angebots-Hebel aber trieb sie noch weiter. Allmählich dämmerte es selbst den größten Optimisten, daß die Kurse den eigentlichen Wert der Aktien weit überstiegen hatten, und kauften einfach nicht mehr. Der Aktienmarkt brach zusammen. Der aufgeblähte Wert der Kreditdeckung zerplatzte. Viele Aktionäre _ sowohl Einzelpersonen als auch Firmen und andere Institutionen _ konnten ihre Aktien nicht mehr verkaufen, um die dafür aufgenommenen Kredite zu decken. Die Kreditgeber erkannten den Großteil ihrer Deckung als wertlos. Es begann ein 'Fliegensterben' unter den Börsenmaklern, die Kredite vermittelt hatten, und unter den dahinterstehenden Banken.

So standen Anfang der 30er Jahre sowohl Großbritannien als auch die Vereinigten Staaten vor einem Währungszusammenbruch. Die Behörden beider Länder hätten erkennen müssen, daß die dem Geldverleihsystem ureigene Täuschung der Grund dafür war. Sie hätten diese Mechanismen offenlegen müssen und damit dem System zur Gesundung verhelfen können. Stattdessen argumentierten sie, daß jemand, der bestimmte Papiere heute zu einem bestimmten Wert akzeptierte, sie auch morgen zu einem ähnlichen Wert akzeptieren müßte. Also ging man daran, das Vertrauen in den Tauschwert der wertlosen Papiere wiederherzustellen. Beide Regierungen beschlossen, die papierenen Ansprüche zu legitimieren, indem sie Geld zum einzig legalen Zahlungsmittel deklarierten. Außerdem strichen sie die Option, für Geld die entsprechende Menge Gold einzutauschen, und verboten Gold selbst als gesetzliches Zahlungsmittel. Dem Staat allein verblieb das Recht auf den Tausch von Geld gegen Gold und umgekehrt.

Auf diese Weise wurden die Klugen und die Vorsichtigen, die sich ans Gold gehalten hatten, bestraft, und die Spekulanten waren wieder einmal in letzter Minute gerettet. Unredlichkeit wurde belohnt, Rechtschaffenheit bestraft.

Dennoch hätte selbst die Legitimierung des Papiergeldes die Währungsprobleme der Regierungen lösen können, hätte man begonnen, wenigstens die weitere Produktion wertloser Papiere zu stoppen. Aber nichts wurde unternommen, um die Geldverleihpraktiken der Banken zu unterbinden, und wertlose Papiere wurden weiterhin ausgestellt. Nur war es jetzt noch schlimmer: die Einlage sah genauso aus wie die Quittung dafür, denn beide waren nichts weiter als Zusicherungen über Pfund Sterling und Dollars. Es ist und bleibt schwierig, Einlage und Papiergeld zu unterscheiden. Da ein klares Verständnis dafür fehlt, wie dieser Mechanismus abläuft, scheint die tatsächlich verfügbare Geldmenge organisch zu wachsen; manche würden sogar sagen: geheimnisvoll. Es ist aber überhaupt nichts Geheimnisvolles daran. Indem man das System zur Aufbewahrung und Verteilung von Geld mit den Mechanismen des Geldverleihs überlagerte, wurde das Auseinanderklaffen von Schein und Sein legitimiert und institutionalisiert. Auf diese Weise haben wir die Entstehung eines Währungs- und Bankensystems ermöglicht, das durch seine tagtäglichen Handlungen die Währung ständig entwertet.

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Papiergeld

 

Wenn wir nun zu Herrn Goldschmied und seiner Jedermannbank zurückkehren und die Goldmünze durch einhundert Dollar in Papiergeld ersetzen, so wird sich zeigen, warum hinter unserem gegenwärtigen westlichen Papiergeldsystem keine greifbare Substanz steht. Und wir werden entdecken, warum dieses System, wenn es nicht geändert wird, zusammenbrechen muß. Mit der Papiergeldeinlage wird es zur gleichen Täuschung kommen _ zwei Quittungen gegen eine Einlage _ wie damals, als Gold noch der Standard war.

 

Buchhalterische Bilanz
Bar: $ 100 Einlagen:  $ 200
Kredite: $ 100  
  $ 200   $ 200

 

Tatsächliche Verhältnisse

Quittungen ausgestellt: $ 200 Effektiv vorhanden: $ 100

 

Doch tritt das nicht so einfach in Erscheinung. Wir lassen uns nämlich durch unser Papiergeld-System leicht verwirren; da sieht die Einlage genauso aus wie die Quittung _ normalerweise nur ein Stück Papier, auf dem die Anzahl der Geldeinheiten vermerkt ist. Die Logik unseres früheren Beispiels gilt also auch für Papiergeld: Die Bilanz der Bank sieht ausgeglichen aus, aber die Anzahl der in Umlauf gekommenen Geldeinheiten hat sich tatsächlich verdoppelt.

Ebenso verwirrend ist der Versuch, den Wert unseres gegenwärtigen Papiergeldes zu bestimmen. Es steht ja keine greifbare, meßbare Substanz mehr hinter einer Geldeinheit. Auch nicht hinter den durch einen Kredit geschaffenen neuen Geldeinheiten. Und hinter den Einlagen in Form dieser Geldeinheiten steht natürlich auch keine echte Substanz. Es gibt keine Garantie dafür, daß man Geldeinheiten gegen eine bestimmte Menge von irgend etwas Realem eintauschen kann. Ihr Wert beruht allein darauf, daß sie das einzige gesetzlich gültige Zahlungsmittel sind. Sie stellen tatsächlich einen Anspruch auf alles dar, was auf dem Markt zum Verkauf oder als Dienstleistung angeboten wird.

Die Schwierigkeit besteht darin, daß sich sowohl die Geldmenge als auch die Mischung von Gütern und Dienstleistungen, gegen die sie eingetauscht werden könnte, dauernd ändert. Also hat man wenig Gelegenheit, die eine genau mit der anderen zu vergleichen. Wäre der Geldbestand festgelegt, würde der Wert des Geldes steigen, sobald die Nachfrage danach steigt. Und wenn die Nachfrage nachließe, würde auch der Wert des Geldes sich verringern. Es gäbe eine Mindestnachfrage nach Geldeinheiten, die der Mindestmenge an Geschäftstransaktionen entspräche, mit der die Gesellschaft überleben kann. Folglich hätte jede Einheit unseres Papiergeldes wenigstens einen Mindestwert. Jede Geldeinheit hätte damit aber auch einen Höchstwert, nämlich die Höhe der Kaufkraft, die Sparer veranlassen würde, ihr Geld abzuheben, um die größere Kaufkraft zu nützen. Die Abhebungen würden gleichzeitig auch die im Umlauf befindliche Geldmenge erhöhen und damit wiederum deren Tauschwert oder Kaufkraft absenken.

So wird also deutlich, wie eine festgelegte Geldmenge über eine Kaufkraftspanne zwischen Mindest- und Höchstwert verfügen würde. Im Lauf der Zeit würden die Wertschwankungen einer Geldeinheit innerhalb dieser ursprünglichen Spanne immer kleiner, und schließlich wäre irgendwann eine gewisse Stabilität erreicht.

Leider aber ist die Geldmenge nicht festgelegt. Neue Geldeinheiten werden praktisch nach Bedarf produziert. Banken schaffen neue Geldeinheiten mit jedem neuen Nettokredit. Das ist schließlich Zweck ihres Geschäftes. So produzieren sie im Rahmen ihrer normalen Geschäftstätigkeit eine stetige Aufblähung der verfügbaren Geldmenge. Regierungen hätten eigentlich die Aufgabe, gerade diejenigen Aktivitäten der Banken zu steuern, durch die mehr Geld geschaffen wird. Die gegenwärtigen Kontrollmechanismen sind jedoch weitgehend wirkungslos.

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Gesetzliche Mindestreserven

Der Hauptmechanismus, mit dem Regierungen versuchen, den Geldumlauf zu steuern, ist die sogenannte Mindestreserve, eine gesetzlich institutionalisierte Auflage, nach der jede Bank verpflichtet ist, einen bestimmten Anteil ihrer Einlagen nicht wieder als Kredite auszugeben. Aber wiederum handelt es sich nur um Papierwerte: Mindestreserven sind Schuldscheine von Kreditnehmern, von denen am wenigsten anzunehmen ist, daß sie zahlungsunfähig werden. Deshalb lassen sich solche Schuldscheine leicht verkaufen oder notfalls schnell in Bargeld umwandeln.

Diesem System nach dürfte eine Bank theoretisch nur in dem Maß neue Geldeinheiten schaffen, wie sie über die gesetzliche Mindestgrenze hinaus an Reserven besitzt. Wenn eine Bank beispielsweise 100.000 Pfund an Einlagen hätte, dann müßte sie bei einer gesetzlich geforderten Mindestreserve von 20 Prozent 20.000 Pfund als Mindestreserve einbehalten. Wenn die Bank also tatsächlich 30.000 Pfund solcher gesicherter Einlagen hätte, dürfte sie die überschüssigen 10.000 Pfund ihren Kunden als Kredite zur Verfügung stellen und würde damit neue Kreditkonten schaffen.

Wenn wir uns das Bankensystem nun aber als Ganzes betrachten, entdecken wir sofort eine kritische Schwäche: Das System kann in Wirklichkeit nämlich viel mehr Geld schaffen, als es an überschüssigen Reserven besitzt.

Nehmen wir dazu an, daß alle überschüssigen Reserven bei einer einzigen Bank lägen, Barclays zum Beispiel, und daß alle anderen Banken Einlagen annehmen würden und davon nur unter strikter Beachtung der Auflage der gesetzlichen Mindestreserve Kredite gewähren würden. Wenn die Barclays Bank also die erwähnten 10.000 Pfund überschüssige Reserve hätte und neue Geldeinheiten schaffte, indem sie die 10.000 Pfund an mich ausliehe; wenn ich dann zum Beispiel in das Kaufhaus Harrods ginge und das geliehene Geld dort ausgeben würde und wenn Harrods die eingenommenen 10.000 anschließend bei der Midland Bank einzahlen würde _ dann hätte Midland eine neue Einlage von 10.000 Pfund, von denen sie 2.000 als Mindestreserve einbehalten müßte und 8.000 als Überschuß an einen ihrer Kunden ausleihen könnte. Der Kunde wiederum würde den Kredit auch ausgeben, und die 8.000 würden danach bei Lloyds Bank eingezahlt, die davon 1.600 einbehalten müßten und die restlichen 6.400 wieder verleihen könnten. Dieser Vorgang ließe sich wiederholen, bis etwa 50.000 neue Geldeinheiten geschaffen wären.

Obwohl also jede einzelne Bank auf die Höhe ihrer überschüssigen Reserven beschränkt ist, wenn sie neue Geldeinheiten in Umlauf bringt, kann doch das System als Ganzes das Vielfache davon an neuem Geld produzieren.

Übrigens bedeuten Mindestreserven auch nur eine relative Beschränkung, denn sie sind selbst auch Kredite. Viele Arten von Staatspfandbriefen und -anleihen gelten als Mindestreserven, und in manchen Fällen auch Wechsel. Staatsanleihen sind Quittungen, die die Regierung für Geld ausstellt, das ihr geliehen worden ist. Die Regierung benützt dieses Geld, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Wechsel sind ebenfalls Anleihen und werden vom Kreditnehmer dazu verwendet, seinen Verpflichtungen nachzukommen. In beiden Fällen kommt das Geld sofort wieder in Umlauf, wird wieder bei einer Bank eingezahlt und steht dann wieder für Kredite zur Verfügung. Die Instrumente der gesetzlichen Mindestreserve bedeuten keinen Schutz gegen das System der Täuschung, sondern sind selbst Teil der Verfälschung, die sie eigentlich zu kontrollieren hätten.

Die einzige Beschränkung, welche die Institution der gesetzlichen Mindestreserve dem Bankensystem tatsächlich auferlegt, liegt in den Kreditbedingungen der Aussteller von Staatsanleihen und ähnlichen Mindestreserve-Papieren. Solange der Appetit dieser Aussteller nach Geldmitteln unersättlich ist, besteht jedoch überhaupt keine Grenze.

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Die Geldproduktion der Zentralbanken

Zentralbanken produzieren neue Geldeinheiten auf mehreren Wegen. Am eindeutigsten ist natürlich das Drucken und Prägen neuer Scheine und Münzen, das in den meisten Ländern allein Sache der Zentralbank ist. Neue Scheine oder Münzen werden in Umlauf gebracht _ entweder um alte, abgenutzte oder beschädigte zu ersetzen oder um das System mit ausreichend Bargeld zu versorgen, damit der Bedarf für die tagtäglichen Transaktionen des Marktes gedeckt bleibt. Der Bedarf an Bargeld ist je nach Markt unterschiedlich. Manche Firmen bezahlen beispielsweise Ihre Arbeiter, zum Teil sogar ihre Angestellten immer noch mit Lohntüten, andere mit Schecks oder Überweisungen. Manche Geschäfte akzeptieren Kreditkarten oder Schecks, andere nur Barzahlung. Jeder Markt ist anders.

Im allgemeinen aber müssen zwischen sechs und acht Prozent der gesamten Geldmenge eines Landes als Bargeld in Form von Noten und Münzen vorhanden sein, um die Abläufe des Marktes in Fluß zu halten. Der große Rest kann in der Kontoführung von Banken als Zahlen stehen, die den Einlagen im Konto des jeweiligen Kunden entsprechen. Sowie durch die Verleihfunktion der Banken aber die Geldmenge aufgestockt wird, müssen die betreffenden Zentralbanken immer mehr Geld drucken und prägen, nur um das genannte Verhältnis von sechs bis acht Prozent zu halten.

Auch durch ihre sogenannten "Offenmarkt-Aktivitäten" bringen Zentralbanken Geld in Umlauf. Dabei kaufen und verkaufen sie die Anleihen und Pfandbriefe ihres Staates. Wenn zum Beispiel eine Zentralbank auf dem 'offenen Markt' Staatsanleihen oder Schatzanweisungen kauft, stellt sie damit nicht dem Staat Bargeld zur Verfügung, sondern dem vorigen Eigentümer der Papiere, der das Geld dann wohl entweder ausgibt oder wieder in irgendeiner Form anlegt. Ein solcher Kauf hat also den Zweck, die wirtschaftlichen Aktivitäten des Marktes anzukurbeln.

Der Verkauf von Anleihen und Schatzanweisungen dagegen nimmt Geld vom Investor, reduziert damit die für Investitionen und Ausgaben verfügbaren Beträge und bremst auf diese Weise die wirtschaftlichen Aktivitäten des Marktes, vorausgesetzt, die Zentralbank gibt es nicht für eigene oder Staatszwecke wieder aus.

Wenn die Zentralbank neue Geldeinheiten schaffen muß, um Staatsanleihen oder Schatzanweisungen zu kaufen, erhöht sich die Geldmenge. Wenn sie dazu keine neuen Geldeinheiten in den Verkehr bringen muß, bewegen die Handlungen der Zentralbank bestehende Geldeinheiten einfach von einer Stelle zu anderen, und regen so Spareinlagen an (womit das Geld für gewisse Zeit dem Markt entzogen ist), oder sie bewirken, daß sie von Sparkonten abgehoben und ausgegeben oder investiert werden.

Auch Devisentransaktionen können zur Produktion neuer Geldeinheiten durch Zentralbanken führen. Wie das vor sich geht, kann man sich vorstellen, wenn man sich in die Zeit zurückversetzt, als Zentralbanken noch gegenseitig Ansprüche auf ihr Gold erheben konnten. Nach dem in Bretton Woods, New Hampshire, USA, Anfang der 40er Jahre geschlossenen Abkommen der internationalen Zentralbanken hatten ja Einzelpersonen wie auch Firmen und Gesellschaften kein Recht mehr für ihr Geld Gold zu verlangen und sie durften Gold auch nicht mehr als Zahlungsmittel benützen; nur den Regierungen war das noch erlaubt. Das Bretton-Woods-Abkommen legte für jede Währung einen stabilen Wechselkurs dem Dollar gegenüber fest und der Dollar war garantiert als Gegenwert von 1/35stel Unze Gold, d.h. es bestand ein fester Goldpreis von 35 US-Dollar für eine Unze (28,35 Gramm).

Nehmen wir einmal an, daß der amerikanische Konzern General Motors den britischen Autohersteller Land Rover kaufen wollte, nach dem Zweiten Weltkrieg, aber _ wohlgemerkt, noch vor 1971. General Motors hätten Dollars zum Kauf benützen wollen, die Aktionäre von Land Rover in England hätten für ihre Anteile Pfund erhalten wollen. Hätten die Verkäufer Dollars akzeptiert, hätten sie diese bei ihrer Bank gegen Pfund Sterling eintauschen können. Hätte die Bank einen Kunden mit Bedarf für die so erworbenen Dollars gehabt, hätte sie ihre Dollars auf diese Weise gegen Pfund eingetauscht. Hätte die Bank aber keine Kunden für ihre Dollars gehabt, so hätte sie sich an den Devisenmarkt wenden müssen, um sie dort zu verkaufen. Und wenn das nicht möglich gewesen wäre, hätte sie die Dollars gegen Pfund Sterling an die Bank von England veräußern können.

Hätte nun aber die Bank von England seinerzeit nicht ausreichend Pfund für die Dollars der Geschäftsbank gehabt, so hätte sie die notwendige Menge an Pfund selbst geschaffen. Daraufhin wäre sie mit den Dollars an die New Yorker Devisenbörse gegangen, um sie dort gegen Gold einzutauschen. Auf diese Weise hätte sie zusätzliches Gold für ihre Reserven erhalten.

Die dargestellte Transaktion hätte nicht zu irgendeinem Mißverhältnis im englischen Währungssystem geführt, denn die reale Geldmenge (die Menge an Gold) wäre tatsächlich angestiegen. Damit wäre auch die Differenz zwischen der zur Auszahlung aller Ansprüche nötigen und der wirklich vorhandenen Goldmenge geringer geworden.

Ganz anders wäre die Situation in den Vereinigten Staaten gewesen. Sobald die Dollars in New York angekommen wären, wäre die in den USA verfügbare Menge an Dollars wieder auf dem Stand von vorher gewesen. Doch die Menge an Gold, durch die diese bisherige Menge an Dollars gedeckt war, wäre um die Menge gesunken, die an die Bank von England für die Dollars gezahlt worden wäre. In den Vereinigten Staaten also wäre die Differenz zwischen der zur Auszahlung aller Ansprüche nötigen und der wirklich vorhandenen Goldmenge größer geworden. Hätte sich General Motors die zum Kauf von Land Rover nötige Summe dazu noch als Kredit ausgeborgt, so wäre diese Differenz sogar um das Doppelte angestiegen; denn durch die Kreditausgabe wären zunächst gegen die bestehende Goldmenge neue Dollars geschaffen worden, und dann wäre auch noch die bestehende Goldmenge um soviel verringert worden, wie der Bank von England bezahlt worden wäre.

Bild 4 Rover GM vor 1971einfügen

Daß durch diese Transaktion die Differenz zwischen Gold und Geld hier größer und dort kleiner geworden wäre, hätte wohl auf keiner der beiden Seiten des Atlantiks den Goldpreis spürbar beeinflußt. Denn in beiden Ländern wären die Fehler und Ungleichgewichte im Geldsystem schon ausreichend gewesen, um den Goldpreis auf sein Minimum zu drücken. Solange sich aber der Goldpreis selbst nicht änderte und solange sowohl Dollar als auch Pfund Sterling gültige Ansprüche auf Gold geblieben waren, hätten sich die Binnenwechselkurse von Dollar und Pfund in ihren eigenen Märkten wohl kaum geändert. Unter dem Goldsystem oder dem Dollar-/Goldsystem (nach dem Abkommen von Bretton Woods) wären die Preise aufgrund dieser Devisentransaktionen weder gestiegen noch gefallen. Nur die jeweilige Differenz zwischen der Menge des Geldes und der des Goldes hätte sich geändert.

Als Präsident Nixon 1971 das 'Goldfenster' schloß, begann eine neue Ära des Papiergeldsystems. Wie wichtig diese Entscheidung war, wurde bisher nur unzureichend erkannt. Dollars können nicht mehr gegen eine festgelegte Menge Gold eingetauscht werden. Andere Währungen können nicht mehr gegen eine festgelegte Menge Dollars eingetauscht werden. Von Land zu Land werden die Währungen von ihren Banksystemen in unterschiedlichem Tempo abgewertet. Es kann kein festes Kursverhältnis der Währungen untereinander mehr geben. Dem Wert des Papiergelds wurde die Mindestgrenze entzogen, so daß jetzt der Wert einer jeden Währungseinheit prinzipiell ins Bodenlose stürzen kann.

Die gleiche Transaktion wie die oben, jetzt aber unter dem seit 1971 gültigen Papiergeld-System, würde in jedem der beiden Länder ganz unterschiedliche Ergebnisse hervorrufen. Da die Papiergeldeinheiten nicht mehr vom Aussteller frei gegen Gold getauscht werden können, kann man den erhaltenen Dollarbetrag nicht mehr zum Umtausch gegen Gold in die Vereinigten Staaten bringen. Stattdessen würde der Betrag von der Bank von England als Reserve aufbewahrt. Diese Dollars würden sich also entweder physisch _ als Banknoten _ außerhalb der Vereinigten Staaten befinden oder bei der Federal Reserve Bank in New York angelegt sein, als Sicherheit für zukünftige Nutzung durch den Einleger. Diese Dollars wären somit nicht mehr Bestandteil der dem amerikanischen Binnenmarkt verfügbaren Geldmenge, gehörten aber dennoch zur Gesamt-Geldmenge der USA. Nachdem sie durch die geographische Umlagerung vom US-Binnenmarkt entfernt worden wären, würden sie sich nicht mehr direkt auf die landesinternen Preise der Vereinigten Staaten auswirken. Trotzdem: sie würden weiterhin vorhanden sein.

Bild 5 Rover GM nach 1971einfügen

Jene durch die geographische Umlagerung aus dem Umlauf 'ausgelagerten' Dollars ließen sich mit solchen Geldeinheiten gleichsetzen, die ihrem Binnenmarkt für eine gewisse Frist entzogen werden, also durch eine zeitliche "Auslagerung". So wird z. B. ein Sparbrief mit fünf Jahren Laufzeit während dieser Zeit den nationalen Markt wenig beeinflussen. Daß es dieses Geld überhaupt gibt, ist oft so gut wie vergessen und wird erst dann wieder deutlich, wenn der Sparbrief fällig und in ein normales Konto umgewandelt wird. Ist die Inflation inzwischen so angestiegen, daß Investoren ihre Papiere nicht mehr erneuern, sondern stattdessen den Erlös in einem laufenden Konto verfügbar haben wollen, so erscheint die Geldmenge plötzlich dramatisch vermehrt. Es ist aber wirklich nur scheinbar so, denn es kommt nur Geld auf den Markt zurück, das für eine Zeit nicht zur Verfügung gestanden hat.

Auch wenn Geldeinheiten zurückkommen, die dem Markt geographisch entzogen waren, steigt die nationale Geldmenge an. Bis zur Rückkehr des Geldes aber hätte die Transaktion zwischen General Motors und Land Rover zunächst einmal die Geldmenge des US-Marktes verringert und dort weniger Geld für Geschäfte verfügbar gemacht, außer der Kauf wäre durch einen Kredit der amerikanischen Bank von General Motors finanziert worden. In diesem Fall wäre das neu geschaffene Geld exportiert worden, die bisherigen Geldeinheiten jedoch nicht; also hätte sich an der US-internen Geldmenge nichts geändert. Inzwischen hätte aber die Bank von England dort auch neue Geldeinheiten geschaffen, sie hätten neue Pfund Sterling herausgegeben, um damit für die eingegangenen Dollars zu bezahlen. Also wäre die Geldmenge in England gestiegen.

Nach Nixons Entscheidung, das 'Goldfenster' zu schließen, muß die Bank von England die angekauften Dollars als Reserven einbehalten, bis der Markt sie wieder im Tausch für Pfund braucht. Wenn dann Dollars gegen Pfund Sterling gewechselt worden sind, werden die dafür erhaltenen Pfund nicht automatisch aus dem Verkehr gezogen, sondern entsprechend dem Inlandsgeldbedarf der Bank von England benutzt, also Teil der britischen Geldmenge bleiben. Das Schrumpfen der Reserven der Bank von England wird demnach keinen entsprechenden Rückgang der inländischen Geldmenge mit sich bringen, als Ausgleich für die vorhergehende Geldschöpfung. Die durch die Devisentransaktion verursachte Inflation wird also im britischen Binnenmarkt bleiben. 

Wenn die Dollars in die Vereinigten Staaten zurückkehren, erhöht sich die dortige Geldmenge, und falls der Kauf durch einen Kredit finanziert war, hat die dadurch erzeugte Inflation ihr endgültiges Ziel erreicht: den US-Binnenmarkt. Der bestehende Eurodollar-'Berg' kann als ständige Bedrohung des Dollarkurses in den USA gesehen werden. Sollte der Markt andererseits die Dollars zur Finanzierung eines Kaufes in irgendeinem anderen Land benötigen, dann würden sie in die Reserven der Zentralbank dieses Landes eingehen. Damit würde sich wiederum die Geldmenge in jenem Zielland erhöhen, und die inflationären Auswirkungen der Transaktion wären in einem weiteren Markt spürbar.

Unter dem neuen Papiergeldsystem können Geldeinheiten, die von ihrem Binnenmarkt anderswohin transferiert wurden, von Land zu Land ziehen und auf dem Weg die Geldmenge eines jeden Landes erhöhen: eine internationale Inflationswelle.

Dieser Prozeß birgt zwei große Gefahren. Die eine Gefahr, die wir gerade sahen, ist der Import der Inflation durch das Zielland. Sie kann oft an einem Anstieg der Reserven einer Zentralbank erkannt werden. Wenn dieser Anstieg auf eine Anhäufung ausländischen Papiergeldes zurückzuführen ist, könnte er auf ausländische Investitionen in dem betreffenden Land hindeuten. In einem solchen Fall wird auch die inländische Geldmenge entsprechend zugenommen haben und folglich die inländische Kaufkraft dieser Währung fallen.

Die andere Gefahr, die viel gravierender sein kann, liegt darin, daß internationale Banken und die ausländischen Niederlassungen multinational tätiger Banken die Geldmenge eines beliebigen Landes erhöhen können. Nehmen wir Eurodollars: Sie werden regelmäßig von internationalen Banken als Einlagen angenommen und als Kredite verliehen. Diese Einlagen und Kredite unterstehen keiner Kontrolle irgendeiner Währungsbehörde. Es gibt keine internationale Zentralbank, also gibt es keinen verantwortlichen obersten Kreditgeber und keine Einschränkung der Geldverleihaktivitäten dieser Banken. Die einzige reale Grenze für die Produktionskapazität dieser Geldverleihinstitutionen liegt in der Bereitschaft von Kunden, überhaupt Kredite aufzunehmen, in der Kreditwürdigkeit solcher Kunden und in der Umsicht internationaler Banker.

Auch das Europäische Währungssystem (EWS) hält die Inflation nicht auf. Es versuchte nur _ vergeblich _, die Abweichungen der einzelnen Währungen voneinander auf 2¼ Prozent einzuschränken. Doch jede einzelne Währung wird von ihrem eigenen Bankensystem abgewertet, und keine hat eine wirkliche Untergrenze, unter die sie nicht fallen kann. Dementsprechend fallen Tempo und Maß der Abwertung für jede Währung anders aus. Das einzige, was man für das EWS sagen kann, ist daß es das Tempo der Abwertungen zu synchronisieren versucht. Stoppen kann es sie nicht. Im August 1993 schließlich ist mit dem Beschluß, eine Bandbreite von 15 Prozent zuzulassen, das Scheitern des EWS stillschweigend eingestanden worden.

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Die Logik der Unvernunft

Wenn die Geschichte wirklich einen zuverlässiger Wegweiser für die Zukunft abgibt, können wir mit Sicherheit annehmen, daß sich die Anzahl der Forderungen, Quittungen oder Geldeinheiten in der Welt bis zu einem Punkt der totalen Unvernunft aufblähen wird. Historisch gesehen geschah dies zunächst mit einzelnen Banken, die schließlich zusammenbrachen. (Vom zerbrochenen Brett oder Tisch, italienisch banco rotto, leitet sich der Begriff 'Bankrott' her.) Daraufhin wurden Zentralbanken geschaffen, als letzte Rettung für Geschäftsbanken, denen der Zusammenbruch drohte. Dieses Sicherheitsnetz aber wirkt nun als Freibrief für alle Handelsbanken, ihre Geschäftstätigkeiten bis zum jeweiligen kritischen Punkt aufzublähen. Dann ließen die Zentralbanken zu, daß sich ihre nationale Geldmenge soweit vervielfachte, bis schließlich das gesamte internationale Bank- und Währungssystem seinen Punkt der Instabilität erreichte. Das Ergebnis war der Zusammenbruch des Goldsystems.

Logische Folge dieses Musters wird sein, daß jetzt das internationale Bankensystem die Menge des Papiergeldes in der Welt wiederum bis zum Punkt der Unhaltbarkeit aufblähen wird. Deshalb müssen wir uns alle mit ein paar ernsten Fragen auseinandersetzen:

Wird das ganze System zusammenbrechen und alle Ersparnisse und geldbasierten Vermögenswerte vernichten, auch unsere eigenen?

Wird das System zu seiner eigenen Selbsterhaltung wieder mit einer Linderungsmaßnahme aufwarten, einer Flickschusterei, die einige Teile der Bankenwelt und ihr gegenwärtiges destruktives Verhalten weiter überleben läßt, während der Rest des Systems untergeht?

Werden unsere Ersparnisse und Geld-Vermögenswerte zu dem Teil gehören, der gerettet wird oder zu dem, der vernichtet wird?

Wäre es nicht klüger, jetzt etwas zu unternehmen, um das System zu korrigieren und dieses Risiko zu vermeiden?

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Wirtschafts- und Konjunkturzyklen

 

Man kann also leicht erkennen, wie ein unredliches Geldsystem dem einzelnen Menschen wirtschaftliche Not und schwere psychische Belastung auferlegt. Unser Mann in Baltimore konnte seinen Ford nicht mehr kaufen; desillusionierte Pensionisten in Portugal konnten sich nicht einmal mehr einen eingeschränkten Lebensstil dort leisten. Großeltern, die realistisch und gut beraten Sparkonten für die Ausbildung ihrer Enkel eingerichtet haben, müssen zehn Jahre später feststellen, daß sie damit nur einen mageren Beitrag leisten können. Die Zerstörung wird auch in den Leidensgeschichten vieler Personen und Firmen deutlich, welche die von Wirtschaftsexperten am häufigsten verordnete und _ leider _ von Regierungen ebenso häufig angewandte Roßkur nicht überlebten: die Anhebung der Zinssätze.

Als Heilmittel sind hohe Zinsen vergleichbar mit der altertümlichen medizinischen Behandlung durch Blutegel. Auch sie saugen die Lebenskraft aus dem System. Die wenigen, für die Blutegel wirklich heilsam waren, sind eher ein Beweis für die Stärke des menschlichen Körpers und Geistes und für den Überlebenswillen der Natur, als für die Heilwirkung der Blutegel. Doch hatten Blutegel wenigsten keine direkte Auswirkung über die Person hinaus, die so verarztet wurde. Hohe Zinsen dagegen hinterlassen eine breite Schneise der Zerstörung.

Die jüngste Periode hoher Zinssätze hat nicht nur in Großbritannien Unmengen von Familien ihr Eigenheim gekostet, eine riesige Zahl von Einzelpersonen und Firmen in den Bankrott getrieben und einen hohen Anteil der Bevölkerung arbeitslos gemacht. Die Kombination dieser unmittelbaren Auswirkungen brachte wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang in viele Gemeinden und Regionen des Landes. Schlimmer noch, viele Arbeiter, die Mittelklasse, und _ wohl am schlimmsten _ die Schulabsolventen fanden ihre Hoffnungen zerstört. Und nichts davon wäre nötig gewesen. Es war einfach falsche Politik. Höhere Zinsen sind kein Heilmittel gegen Inflation, sondern nur ein Steckenpferd derer, die beherrscht sind davon, Wirtschafts- und Konjunkturzyklen messen und kontrollieren zu wollen. Wir _ die Gemeinschaft _ sind es, die jene Herrschaften dazu bringen müssen, sich wieder um die wirklichen Ursachen dieser Zyklen zu kümmern.

Eine maßgeblichte Ursache für Wirtschafts- und Konjunkturzyklen ist die durch die Geldverleihfunktion der kommerziellen Banken geschaffene Geldmenge. Um die Rolle des Bankensystems deutlicher zu erkennen, sollten wir die Rolle des Geldes als Träger von Tauschwert betrachten. Jede identische Geldeinheit muß genau den gleichen Tauschwert besitzen. Wenn neue Einheiten geschaffen werden, ohne Substanz dahinter zu schaffen, muß der Wert der neuen Einheiten logischerweise in gleichen Proportionen den bis dahin schon bestehenden Einheiten weggenommen werden.

Angenommen, Sie leben in einer kleinen Gemeinde, die ihre eigene Währung hat, mit insgesamt 1.000 Einheiten, und die Gemeindeverwaltung gibt 100 neue Geldeinheiten heraus. Was würde mit dem Tauschwert der ursprünglichen 1.000 Einheiten geschehen? Wie kann man Teile von deren Tauschwert auf die Empfänger der neuen Einheiten übertragen?

Am meisten profitiert von der Produktion dieser neuen Geldeinheiten die Gemeindeverwaltung. Sie wird das neue Geld als Bezahlung für irgendetwas in Umlauf bringen. Vielleicht weiß keiner der Empfänger dieser Geldeinheiten, daß sie neu sind und nicht zur urspünglichen Geldmenge der Gemeinde gehören. Dann wird auch der Preis, den sie für ihre Ware verlangen, nicht davon beeinflußt, und die Gemeindeverwaltung erhält so viel, wie sie für 100 der ursprünglichen Geldeinheiten erhalten hätte.

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Der Multiplikatoreffekt

Ihre Gemeindeverwaltung könnte nun mit ihren zusätzlichen 100 Geldeinheiten mehr an Gütern und Dienstleistungen erwerben, als sie es sonst hätte tun können, vielleicht einen neuen Computer für eines ihrer Ämter kaufen, den sie sonst nicht erworben hätte, wenn sie nicht die neuen Geldeinheiten gedruckt hätte. Die Computerfirma würde damit auch einen Computer mehr verkauft haben, als sie es sonst getan hätte; das Gleiche gilt für den Hersteller. Also hätte jeder einen zusätzlichen Gewinn zu verzeichnen und könnte auch mehr ausgeben, als es sonst der Fall gewesen wäre. Wenn der Computer 100 Geldeinheiten gekostet hätte, hätte ein Lieferant die 100 Geldeinheiten mehr erhalten. Wenn er nur eine Einheit gekostet hätte, dann hätte die Gemeindeverwaltung mit den restlichen 99 Einheiten andere Waren und Dienstleistungen erworben, und mehrere Lieferanten würden je einen Teil der 100 neuen Geldeinheiten erhalten haben. Folglich würde auch jeder dieser Lieferanten wiederum von seinem Lieferanten mehr einkaufen, als sonst, und bei jeder nachfolgenden Transaktion dieser sich ausbreitenden Welle würde es sich um einen etwas geringeren Wert handeln. Der Vorteil der neuen Geldeinheiten würde sich also vom ursprünglich Bevorteilten wellenförmig ausbreiten.

Jeder von dieser Welle mitgetragene Lieferant würde einige der Geldeinheiten als Profit oder Ersparnisse beiseite legen können, was nicht möglich gewesen wäre, hätte die Gemeindeverwaltung nicht die neuen Geldeinheiten gedruckt und ausgegeben. Mit diesen neu ersparten Geldeinheiten könnten deren Eigentümer manche ihrer bisher ungestillten Bedürfnisse oder Wünsche befriedigen. Durch diese neu ersparten Geldeinheiten würde also neue Nachfrage geschaffen, die entweder zu gesteigerter Produktion oder zu höheren Preisen führen würde. (Oft ist es eine Mischung davon.) In dem Maß, in welchem die gesteigerte Nachfrage zu Preiserhöhungen führte würde denen, die von der Vorteilswelle übergangen wurden, aber verteuerte Produkte kaufen mußten, nach dem Kauf dieser Produkte weniger Geld bleiben. Sie müßten dann auf manche weitere Produkte verzichten, die sie sonst noch gekauft hätten. Diese Mitbürger hätten an Kaufkraft eingebüßt und könnten nur wieder aufholen, indem sie jetzt ihre eigenen Produkte oder Dienstleistungen verteuern.

Bild 6 Der Multiplikationseffekt

Alles in allem wäre in Ihrer Gemeinde die Produktion etwa auf dem gleichen Niveau wie vor den neuen Geldeinheiten; die in Umlauf befindliche Geldmenge hätte sich um 10 Prozent erhöht; und die Preise wären um etwas weniger als 10 Prozent gestiegen, je nachdem, wieviele der an der Vorteilswelle Beteiligten die zusätzlichen Ersparnisse beiseite legen konnten. Dazu hätte die Gemeindeverwaltung einen gewichtigen Anteil an Gütern erworben und behalten, die zum Kauf bereitgestanden hatten. Viele Ihrer Nachbarn dagegen hätten auf Produkte verzichten müssen, die sie normalerweise gekauft hätten. Am Marktgeschehen hätte sich kaum etwas geändert, es würden gleichviel Produkte und Dienstleistungen umgesetzt wie zuvor. Aber: Die Transaktionen würden auf einem höheren Preisniveau stattfinden.

Genau dieser Prozeß läuft in einem enorm viel größeren Maßstab ab, wenn Regierungen Noten drucken und Münzen prägen und diese neuen Geldeinheiten in Umlauf bringen. Und wenn neue Geldeinheiten durch ein Bankensystem geschaffen werden, sind die Auswirkungen zwar ähnlich wie wenn eine Regierung dies tut, doch ungemein komplexer. Denn in diesem Fall erhalten drei Parteien je 100 Prozent der neuen Geldeinheiten, und die Rückzahlung eines Kredites kann eine umgekehrte Welle in Gang setzen, die eine verringerte Nachfrage und gedrosselte Produktion mit sich bringt.

Diese drei primär begünstigten Parteien sind die Bank, die das neue Geld schafft, das Bankensystem als Ganzes und der Kreditnehmer. Jeder von ihnen erhält 100 Prozent der neuen Geldeinheiten, und jeder profitiert dabei: Die Bank hat ihn durch die Verdienstmöglichkeit der neuen Geldeinheiten, denn sie verlangt vom Kreditnehmer Zinsen. Also hat sie den Vorteil so lange, bis der Kredit wieder abbezahlt worden ist. Soweit ist der Sachverhalt eindeutig.

Der größte Nutznießer ist das Bankensystems als Ganzes, was allerdings nicht auf Anhieb so zu erkennen ist. Der Vorteil bleibt auf Dauer dem System erhalten, denn die neuen Geldeinheiten verschwinden nicht einfach, wenn ein Kredit zurückbezahlt worden ist, sondern werden für neue Kredite benützt oder um Abhebungen auszuzahlen. Werden sie für Kredite benützt, hat die Bank, die den Kredit gewährt, den Vorteil. Werden Abhebungen damit gedeckt, verschiebt sich der Vorteil zu einer anderen Bank, die das Geld dann als Einlage bekommt und es wiederum für neue Kredite benützen kann. Das Bankensystem als Ganzes hat also seinen Vorteil, und es behält ihn. Sobald durch den Geldverleihmechanismus neue Geldeinheiten entstehen, verschwinden sie nicht mehr, bis es zu einem Bankzusammenbruch oder einer Wertberichtigung durch geplatzte Kredite kommt. Nur in diesem Fall, wird sich die Anzahl der Geldeinheiten innerhalb des gesamten Bankensystems verringern.

Der dritte Nutznieser ist der Kreditnehmer. Auch er erhält 100 Prozent der neuen Geldeinheiten und kann damit mehr der auf dem Markt zur Verfügung stehenden Güter erwerben, als es ihm sonst möglich wäre. Wäre der Kreditnehmer ein Unternehmen, das damit eine neue Maschine kaufte, um die Produktion zu erhöhen, und wenn alle damit zusätzlich entstandenen Produkte verkauft würden, dann ergäben die mit dem Kredit erworbenen Mittel für den Kreditnehmer eine Basis für erhöhte Verkaufsziffern und hoffentlich auch für mehr Profit. Andererseits könnte das Unternehmen mit der neuen Maschine möglicherweise zwar nur die gleiche Menge an Waren herstellen als zuvor, das aber mit geringeren Produktionskosten. In beiden Fällen könnten die aus dem zusätzlichen Profit oder aus der Kostenersparnis gewonnenen Geldeinheiten für Zinszahlungen und Kredittilgung genutzt werden.

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Der Multiplikatoreffekt - negativ

Sollten aber _ im Gegensatz zu dem oben entworfenen Szenario _ die als Kredit erworbenen Mittel keine Grundlage für ausreichende Ersparnisse darstellen, um Zinsen und Kapital zurückzuzahlen, ist die Situation des Kreditnehmers eine ganz andere: Dann muß er nämlich entweder die Gesamtheit seiner Einkäufe einschränken oder die Anzahl seiner Arbeitskräfte reduzieren, um genügend einzusparen, damit er die Zins- und Kapitalrückzahlungen leisten kann.

Wenn die als Kredit erworbenen Mittel eine Produktionskapazität schaffen, die über der Nachfrage liegt, dann wird entweder dieser Kreditnehmer oder einer seiner Konkurrenten nicht alle hergestellten Produkte verkaufen können. Hier setzt der umgekehrte Effekt, die negative Spirale ein. Sie führt zu einer Welle reduzierter Nachfrage, denn einer oder mehrere der Hersteller werden ihre Produktion einschränken müssen und demnach auch die Einkäufe von ihren Lieferanten drosseln. Diese wiederum werden, wenn die Verkaufszahlen sinken, auch die Einkäufe von ihren Lieferanten einschränken müssen.

Bild 7 negativ Spirale

In beiden Fällen entsteht also eine Welle reduzierter Nachfrage. Sie führt zu verringerter Produktion und natürlich weniger Geldeinheiten, die dafür bezahlt werden. Weniger Leute werden dann in der Lage sein, Geld für private Käufe beiseite zu legen, und die Welle wird auf diese Weise weitere Bereiche erfassen, die mit der kreditfinanzierten neuen Produktionsanlage nichts zu tun haben.

Es gibt natürlich bei jedem Abschwung auch Ausnahmen. Es werden ja laufend neue Kredite gewährt, und viele der Kreditnehmer benützen diese für Projekte, zu deren Realisierung denen gängige, einfache Materialien und Teile gebraucht werden. Manche Lieferanten haben mehr offene als abgeschlossenen Aufträge und sind deshalb einer Welle allgemein verringerter Nachfrage kaum ausgesetzt. Das Baugewerbe beispielsweise verwendet viele gewöhnliche, einfache Materialien. Ziegel-, Glas- oder Zement. Fabriken werden also ihr Geschäft weiter ausbauen können, auch wenn von ihnen belieferte Projekte abgeschlossen sind, denn es können laufend genügend neue Bauprojekte begonnen werden, so daß der Wert neuer Aufträge höher bleibt, als der der jeweils fertiggestellten.

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Die Grenzen des Wachstums

Alle Produkte der Wirtschaft müssen letztlich von einzelnen Menschen gekauft, bezahlt und verbraucht oder benützt werden. Fortlaufende Expansion muß deshalb in einem direkten Verhältnis zur Anzahl der Personen stehen, die sowohl den Wunsch als auch ausreichend Mittel besitzen, die Produkte eines bestimmten Geschäfts oder einer Industrie zu kaufen. Sobald die bestehende Nachfrage durch die bestehende Produktionskapazität befriedigt ist, ist jeder weitere Ausbau der Produktionskapazität abhängig von erhöhter Nachfrage. Solange die Anzahl der Menschen mit Nachfrage nach diesen Produkten im selben Maß steigt wie die Produktionskapazität der betreffenden Branche, kann diese weiter expandieren. Sobald der Anstieg in der Nachfrage abflacht und schließlich aufhört, muß auch die Expansion dieser Branche aufhören.

Das Wachstum der Produktionskapazität unterliegt aber auch noch anderen betriebswirtschaftlichen Einschränkungen. Ohne finanzielle Reserven kann ein Unternehmen nicht investieren, also neue Gebäude bauen oder Maschinen anschaffen; auch Privatpersonen können kein Haus, kein Auto, keinen Fernseher oder Kühlschrank kaufen, wenn sie nicht Zugang zu mehr Geldeinheiten haben, als sie zum täglichen Leben brauchen. Verantwortungsvolle Kreditgeber haben Kriterien für die Bonität eines Kreditnehmers. Verantwortungsvolle Kreditnehmer werden nur einen Kredit aufnehmen, wenn sie sich sicher sind, ihn auch zurückzahlen zu können.

Hat ein Kreditnehmer sein Kreditlimit erreicht, muß er sich aus dem Kreditmarkt zurückziehen, bis er ausreichend getilgt hat, um sich wieder als vertrauenswürdiger Kreditnehmer zu qualifizieren. Das kann einige Zeit dauern. Im Falle eines Betriebes müssen die neuen Gebäude erst gebaut oder die neuen Produktionskapazitäten eingerichtet werden, sowie genug der damit produzierten Waren verkauft sein, damit der Betrieb nicht nur überleben, sondern auch den Kredit zurückzahlen kann. Gleichzeitig erhält das Bankensystem das ausgeliehene Geld in Form von Einzahlungen von denen wieder zurück, deren Arbeit, Materialien oder sonstigen Zulieferungen, etwa in Form von Dienstleistungen, damit bezahlt worden sind. Der Großteil des verliehenen Geldes steht also fast sofort wieder potentiellen Kreditnehmern zur Verfügung. Die Geschwindigkeit, mit der die Institutionen des Geldverleihs neue Kreditwünsche befriedigen können, liegt also weit über der Fähigkeit von Einzelpersonen oder Betrieben, ihre Kredite zurückzuzahlen und selber wieder als Geldsuchende auf dem Kreditmarkt zu erscheinen.

Früher oder später muß der Kreditmarkt eine gewisse Sättigung erreichen und die Anzahl der vertrauenswürdigen Kreditnehmer schwindet. Denn sie haben mittlerweile entweder so viel ausgeliehen wie sie können und sind jetzt damit beschäftigt, das zu verdienen, was sie für Zinszahlung und Kreditilgung brauchen. Oder sie haben einfach keinen Bedarf für einen Kredit. Demgemäß verringert sich das Ausmaß der Kredite zum Ausbau der Produktionskapazität. Die Bestellungen auf Lieferung von Materialien, Maschinen und Dienstleistungen, die man zur Erhöhung von Produktionskapazität braucht, gehen zurück, werden storniert und erzwingen einen Rückgang des Geschäftsvolumens bei den Lieferanten. Schließlich wird dann auch die Anzahl der dafür nötigen Arbeitsplätze entsprechend abgebaut.

Bei steigender Arbeitslosigkeit und fallenden Verkaufszahlen können immer weniger Menschen und Firmen noch irgendwelche Reserven zurücklegen für andere Ausgaben als die, die zum Tagesbetrieb, zur Zinsleistung und für Tilgungsraten oder Materialbeschaffung nötig sind. Folglich wird der Bedarf an Produkten und Dienstleistungen noch weiter sinken. Manche Firmen werden dann nicht mehr genug erwirtschaften können, um alle ihre betriebserhaltenden Verpflichtungen einzuhalten _ Löhne, Lieferanten, Zinsen, Kapitalrückzahlungen. Die Folge: Pleiten. Es werden noch mehr Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren, und die Nachfrage wird weiter sinken. Und so kommt es dann zu einer Rezession. 

Ein Nachfragerückgang oder eine Überproduktion in irgend einer bestimmten Industrie oder Branche hingegen reichen dafür nicht aus. Sogar während Wachstumsperioden verändert sich der Markt, und manche Produkte und Dienstleistungen werden unattraktiv oder durch technische Neuerungen ersetzt.

Nein, eine Rezession hat ihren Ursprung in einer Maßlosigkeit des Geldverleihs unseres gesamten Bankwesens. Eine Rezession ist Zeichen der Sättigung des gesamten Kreditmarktes eines jeweiligen Bankensystems und trifft deshalb den gesamten Markt, den das betreffende Bankensystem versorgt. Die Nachfrage wird allgemein nachlassen, weil nur wenige zur Kreditaufnahme und weiteren Ausgaben in der Lage sein werden. Ausnahmen wird es natürlich geben, Geschäftszweige, die genau unter solchen Umständen blühen, Konkursverwalter beispielsweise; im Grunde aber breitet sich eine Welle abnehmender Nachfrage aus.

Fatalerweise breitet sich eine solche Schrumpfungswelle viel schneller aus als eine Welle der Expansion. Eine Expansionswelle wächst nur in der Geschwindigkeit, wie neue Produktionskapazität auf- und ausgebaut wird. Eine Welle abnehmender Nachfrage dagegen braucht nur die Entscheidung, bestehende Produktionskapazität nicht mehr zu nutzen, um alles mit ihren negativen Folgen zu überschwemmen.

Wirtschafts- und Konjunkturzyklen sind also ein Ergebnis dessen, daß dem System zur Aufbewahrung und Zirkulation von Geld der Mechanismus des Geldverleihs aufgepfropft wurde, mit all den Auswirkungen, wie wir schon früher gesehen haben:

1. Inflation

2. Die Auflösung der Rolle des Geldes als Maßeinheit eines Tauschwertes

3. Die Auflösung der Rolle des Geldes als Wertsicherung für zukünftige Transaktionen

4. Die Verlagerung von Kaufkraft _ und damit von Reichtum _ von den Sparern zu den Kreditnehmern

5. Die Verarmung von Menschen mit festem oder wenig veränderlichem Einkommen (Rentner, Unterhaltsabhängige etc., aber auch ein Großteil der Arbeiter und Angestellten)

6. Die Belohnung unseriösen und die Bestrafung ehrlichen Verhaltens

7. Mißtrauen und Zwietracht innerhalb der Gesellschaft.

Es kann mittlerweile kein Zweifel mehr bestehen, daß es ein immenser Fehler war, dieses Aufpfropfen zu akzeptieren und es zu legitimieren. Wir dürfen nicht zulassen, daß es so weitergeht. Die Frage, der wir uns nun stellen müssen ist, wie wir diesen schwerwiegenden Fehler beheben können?

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Teillösungen

 

Zur Zeit seiner Planung und Entstehung wurde der Assuan-Staudamm als die endgültige Lösung der Bewässerungs- und Überschwemmungsprobleme Ägyptens hoch gepriesen. Heute sieht man das Ausmaß der neuen, womöglich noch größeren Probleme, die erst durch dieses großartige Bauwerk verursacht worden sind. Die Fischereiindustrie, die bis dahin einen bedeutenden Anteil ihres Einkommens durch sicheren Sardinenfang im Nil-Delta erzielte, mußte mitansehen, wie die jährliche Ausbeute von 18.000 Tonnen auf etwas über 500 Tonnen fiel, seitdem der regelmäßig angeschwemmte Schlamm ausblieb, der den Sardinen als Nahrungsquelle gedient hatte. Außerdem starben die Schnecken nicht mehr wie in jedem Winter in den ausgetrockneten Bewässerungskanälen. Die Schnecken sind als Wirtstiere des Blutegels Bilharzia Überträger der von diesem Parasiten erregten Bilharziose, der sogenannten ägyptischen Hämaturie; also konnte sich diese Krankheit weiter verbreiten und führte in großem Maße zu Arbeitsunfähigkeit unter den Bewohnern des Landes.

Als vor rund sechzig Jahren beschlossen wurde, daß nur noch die Regierungen Papiergeld zu Gold umtauschen konnten, glaubten sowohl Regierungen als auch Finanzexperten, daß die Probleme des westlichen Währungssystems ein für alle Mal gelöst seien. Die Entscheidung wurde als wirtschaftlicher Durchbruch von unschätzbarer Bedeutung gepriesen, vielleicht als so bedeutend, wie man es Jahrzehnte später der Konstruktionsleistung des Assuan-Staudamms nachsagte. Zurückblickend können wir wiederum erkennen, daß auch diese Entscheidung eine Kette von Problemen zur Folge hatte, für die wir übrigens bislang keine langfristigen Lösungen besitzen. Wir müssen uns also heute fragen ob irgendwelche der gegenwärtigen Lösungsversuche so entwickelt werden können, daß sie eine dauerhafte Korrektur bewirken.

Weltfremd denkende Theoretiker, die es sich gerne leichtmachen, pflegen zu sagen, daß der freie Markt seine Probleme selber lösen müsse, also daß das Bankensystem sich selbst regulieren solle. Andere neigen zu der Ansicht, daß die Kreditvergabe ausreichend 'natürlichen' Einschränkungen unterliege, um eine Krise zu verhindern. Doch die Realität zeigt ein etwas anderes Bild.

Selbstverständlich besitzt das System manche natürlichen Einschränkungen; sonst wäre es schon längst zusammengebrochen. Es gibt zwei natürliche Schranken, die dazu beigetragen haben, die Inflationsexplosion in Grenzen zu halten. Als die eine Schranke wirkt die Zeitverzögerung zwischen Einzahlung und Auszahlung. Eine Bank muß genug Geld zur Verfügung haben, um Auszahlungen leisten zu können. Dafür gibt es zwar Richtlinien, doch können ohne sichtbare Vorwarnung Marktsituationen auftreten, die den Umfang der Abhebungen enorm steigern. Deshalb neigen kluge Banker zu relativ großen Überschußreserven, um unter einem solchen Ansturm bestehen zu können, falls er je auftreten sollte.

Die zweite Begrenzung stellt der Liquidationswert der eingebrachten Sicherheit des Kreditnehmers dar, den die Banken als Garantie für Darlehen ansetzen. Banken akzeptieren nur solche Vermögenswerte als Deckung, die jederzeit einen verläßlichen Gegenwert erzielen können, und gewähren Kredit nur für einen Anteil dieses Gegenwerts. Die Summe all dieser Anteile stellt meist eine praktische Obergrenze des Gesamtvolumens an Geld dar, das von Banken in Umlauf gebracht werden kann. Denn die Banken selbst weigern sich, mehr in Umlauf zu bringen, sobald diese Gegenwertanteile einmal bis zur Gänze beliehen sind.

Doch auch diese Obergrenze ist nicht endgültig. Die Handlungsweise der Banken selbst erzwingt eine rasante Erhöhung dieser Grenze. Grund dafür ist der 'Angebots-Hebel', den die Banken durch ihre Kredite bewirken. Potentielle Käufer von Objekten können von ihren Banken eine Zusage erhalten, daß diese einen vereinbarten Anteil des Kaufpreises tragen. Jeder dieser potentiellen Käufer kann dann die Höhe seines Angebots entsprechend dem von ihm selbst einzubringenden Geld und entsprechend seiner Ertragserwartungen an das betreffende Objekt ansetzen. Selbst besitzen muß er dafür wohlgemerkt nur einen Bruchteil seines Angebotspreises.

Wenn beispielsweise zwei Leute dasselbe Haus kaufen wollten, würden beide zuerst mit ihren jeweiligen Darlehensgebern den Prozentsatz des Kaufpreises vereinbaren, den man ihnen vorstrecken würde. Angenommen, beide Banken würden sich zu einer Hypothek über 90 Prozent bereit erklären, und der Kaufpreis wäre DM 500.000 _ dann bräuchten jeder der beiden Kaufinteressenten lediglich DM 50.000,- Eigenkapital für ein ausreichendes Angebot. Wenn nun der eine DM 50.000,- gespart hätte, könnte er dem Hausbesitzer ein Angebot zum verlangten Kaufpreis machen. Hätte der andere Kaufinteressent allerdings DM 60.000,-, würde die Hebelwirkung seiner Bankvereinbarung von 90 Prozent sein Angebot auf glatte DM 600.000,- erhöhen und den anderen Interessenten aus dem Rennen werfen. Sollte das zweite Angebot nun angenommen werden, hätte sich auch sofort der Marktwert des Hauses erhöht, d.h. der 'Angebots-Hebel' hätte diesen Wertanstieg verursacht.

Wo immer es mehrere Objekte und mehrere Käufer gibt, können die Objekte oft den Besitzer wechseln. Und das wiederum kann zu einem laufenden Anstieg des Kaufpreises jedes dieser Objekte führen. Diese Preisspirale kann sich nach oben drehen, bis sie eindeutig unhaltbar geworden ist. Dann werden entweder die Banken keinen weiteren 'Angebots-Hebel' mehr zur Verfügung stellen, oder die Kaufinteressenten werden ausbleiben; oder beides tritt gleichzeitig auf, was einen Preissturz der Objekte auslöst. Wenn der Preisanstieg unverhältnismäßig und rasant genug war, kann der Preis des betreffenden Objekts auf oder sogar unter das vorherige Preisniveau fallen.

Dies geschah an der Wall Street Ende der 20er Jahre, als _ für sogenannte Effektendifferenzgeschäfte _ die Aktien selbst als Sicherheit für zu 90 Prozent kreditfinanzierte Kaufangebote dienten. Als potentielle Aktienkäufer zu zweifeln begannen, ob die Kurse noch weiter steigen können, und nicht mehr kauften, begannen die Kurse zu fallen. Nachdem 90 Prozent davon fremdfinanziert waren, genügte ein Kurseinbruch von 10,1 Prozent, um den Aktienwert unter den Betrag zu bringen, der zu ihrem Kauf finanziert worden war. Jedoch schon vor dieser Grenze wurden von den Kreditnehmern Einschußzahlungen verlangt, um den geliehenen Anteil wieder auf 90 Prozent des neuen Aktienwertes zu bringen. Als viele Aktionäre diese Gelder nicht aufbringen konnten, wurden die Aktien vom Kreditgeber verkauft, was den Markt überschwemmte und die Preise noch weiter nach unten fallen ließ. Durch diese Zwangsverkäufe verloren nicht nur Aktionäre und Börsenmakler enorme Summen, auch die Aktienkurse wurden immer weiter gedrückt. Die Verluste hatten solche Ausmaße, daß viele Aktionäre, die zum Kauf der Aktien Darlehen aufgenommen hatten, bankrott gingen. Das gleiche Schicksal ereilte auch viele Börsenmakler, die den Käufern die Darlehen vermittelt hatten, und auch viele der Banken, die wiederum den Börsenmaklern die Kredite zur Verfügung gestellt hatten.

Es war derselbe 'Angebots-Hebel', der sowohl Anfang der 70er, als auch Ende der 80er Jahre die Immobilienpreise in London so spektakulär hochjagte und dann in sich zusammenbrechen ließ. Bei beiden Spekulationskrisen dienten nicht Aktien, sondern Immobilien zur Deckung der Kredite. Die Angebote schaukelten sich hoch, während jeder Kauf durch neue Kredite finanziert war. Neue Kredite produzierten neue Geldeinheiten, die jeweils zu einer immer größeren Menge des im Umlauf befindlichen Geldes führten.

Der Börsenkrach an der Wall Street im Oktober 1929, der aus der Zahlungsunfähigkeit von Aktienkäufern beziehungsweise Börsenmaklern entstand, führte zum Gegenteil: Er verringerte die Geldmenge, denn auch viele Banken gingen unter, und deren Kunden und Anleger verloren ihr Geld. Die Inflation, die sich in Amerika durch die Angebotsspirale der 20er Jahre aufgebaut hatte, fiel durch den Börsenkrach in sich zusammen.

Bei den neueren Fällen im London der 70er und 80er Jahre existierte bereits das Sicherheitsnetz der Einlagenversicherung, und es kam auch nicht zu einem riesigen Bankenzusammenbruch. Die Bankkunden verloren kein Geld, die Geldmenge verringerte sich nicht und so blieb die durch den 'Angebots-Hebel' hochgeschaukelte Inflation erhalten. Was ihre dämpfenden Auswirkungen auf die Inflation anbelangt, waren die Zentralbank und die Einlagenversicherung also alles andere als ein Erfolg.

Wenig ermutigend sind auch sonst alle bisherigen Bemühungen geblieben, Inflation zu kontrollieren. In ihren Ansätzen, Methoden zur Inflationsdämpfung zu finden, haben sich Wirtschaftsexperten und Regierungen auf die Auswirkungen konzentriert, anstatt auf die Ursachen. Diese Lösungsversuche 'kurierten' also im besten Falle die Symptome, nicht aber die Krankheit selbst.

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Hilflose Therapieversuche

Betrachten wir uns zum Beispiel die Maßnahmen in der Lohn- und Preispolitik. Wenn wir wieder unser Beispiel des mechanischen Schadens an der Turmuhr von Big Ben anwenden, ließe sich diese Politik damit vergleichen, daß man versuchen würde, die eine oder andere Bevölkerungsgruppe auf einen einzigen Uhrenvergleich mit Big Ben pro Jahr einzuschränken. Eine solche Gruppe wäre nicht im Gleichtakt mit dem Rest der Bevölkerung und würde ähnliche Auswirkungen erleiden wie die Menschen in unserem ursprünglichen Big-Ben-Beispiel. Erinnern Sie sich: Die beiden Leute, die sich zum Mittagessen verabredet, aber ihre Uhren nicht mit Big Ben synchronisiert haben, würden sich nach offizieller Zeit zum Abendessen treffen und müßten außerdem in den nächsten Tag auch noch alles hineinquetschen, was sie an diesem Nachmittag hätten erledigen wollen. Die Tage würden immer kürzer werden und mehr und mehr 'verpaßte' Besorgungen und Termine müßte man in immer kürzere Tage hineinpferchen. Man würde laufend Zeit verlieren.

Gleichermaßen würden Einkommensbeschränkungen für einzelne Gruppen oder Firmen immer diesen immer mehr Kaufkraft entziehen, sodaß sie einige Anschaffungen verschieben müssen. Eine solche Politik des Lohndirigismus wird im Laufe der Zeit zuerst das Nettoeinkommen von Einzelpersonen und Firmen mindern und schließlich ihr finanzielles Sicherheitsnetz zerreißen. Die Wirtschaft kann dadurch so geschädigt werden, daß sich der Gedanke, eine solche Politik sei irgendeine Lösung, doch mittlerweile als haarsträubend erwiesen haben sollte.

Die Höhe von Preisen und Löhnen wirkt auf die Verteilung bereits bestehender Geldeinheiten: die Höhe von Löhnen auf die Verteilung von Geldeinheiten, die von einem Betrieb oder einer Branche eingenommen werden; die Höhe der Preise auf die Verteilung von Geldeinheiten, die dem Markt zur Verfügung stehen. Die einen oder die anderen staatlich verordnet anzuheben oder zu senken _ die Löhne oder die Preise _ kann nichts anderes bewirken, als bestehende Geldeinheiten umzuverteilen. Neue Geldeinheiten werden dadurch jedoch bestimmt keine geschaffen.

Inflation dagegen ist die Folge laufend zunehmender Geldmenge und hat mit der Verteilung bestehender Geldeinheiten nichts zu tun. Also findet man keine Therapie gegen Inflation, indem man die Verteilung von Geldeinheiten zu kontrollieren versucht. Staatliche Preis- oder Lohnsteuerung können Inflation nicht stoppen, nicht einmal bremsen. Das einzige, was sie anrichten, ist die Benachteiligung des Bevölkerungsteils, der von den unmittelbaren Auswirkungen dieser volkswirtschaftlichen Steuerungsmaßnahmen betroffen ist.

Staatsschulden sind ein weiterer Sündenbock, den man so gerne für Inflation verantwortlich macht. Aber: Wieviel eine Privatperson, eine Firma oder eben der Staat sich ausleiht, hat nur mit der Verteilung von Geldeinheiten zu tun, die für Investitionen zur Verfügung stehen. Mehr oder weniger Staatsschulden erzeugen an sich keine einzige neue Geldeinheit. Indem man die Verteilung von Investitionen vom öffentlichen zum privaten Sektor verlagert, erreicht man im Kampf gegen Inflation schlicht und einfach nichts. Jede Bemühung, das Gespenst der Inflation zu bannen, muß vergeblich bleiben, solange sie auf den Kreditnehmer abzielt. Alle Eindämmung der Inflation müssen sich auf den Kreditgeber konzentrieren, dessen Handlungen es in Wirklichkeit sind, die Inflation anfachen.

Solange der Kreditgeber reales Geld verleiht, das bereits existiert und auf das noch kein anderer Anspruch hat, und wenn dieses Geld tatsächlich dem Kreditgeber gehört und er akzeptiert, daß er es so lange nicht zur Verfügung haben wird, bis es nach einem vertraglich gesicherten Zeitraum zurückbezahlt ist _, solange wird der Markt nicht getäuscht, und der Kredit wird sich nicht inflationär auswirken. Nur wenn der Kreditgeber Geldeinheiten verleiht, auf die schon Ansprüche bestehen, oder wenn er neue Quittungen für Einlagen ausstellt, gegen auf die schon zuvor Quittungen ausgestellt worden sind _, dann werden bestehende Ansprüche entwertet, und der Teufelskreis der Inflation beginnt.

Man hat in schierer Verzweiflung sogar das sogenannte Indexing versucht. Wieder auf unser Beispiel mit Big Ben zurückkommend wäre das so, wie wenn alle Kirchenglocken Großbritanniens per Draht- oder Funksteuerung mit Big Ben verbunden wären, so daß alle Menschen im akustischen Einzugsbereich der Kirchen jede Stunde dem gleichzeitigen Schlagen der Glocken der Nation entsprechend ihre Uhren nachstellen könnten. Obwohl auch das zunächst eine vernünftige Lösung scheint, wird man sie sofort als absurd erkennen, wenn man das zunehmend verzerrte Verhältnis zwischen 'offizieller' Big-Ben-Zeit und natürlicher Zeit betrachtet. Nach einem Monat beispielsweise wird es um Mittag dunkel sein, und die Sonne wird um Mitternacht scheinen. Früher oder später müßte man zwei 'offizielle' Tage in einem natürlichen Tag unterbringen. Diese 'Lösung' wäre also ein hanebüchener Unsinn.

Unser Big-Ben-Beispiel ist deshalb nützlich, weil es ganz klar zeigt, wie ein mechanischer Fehler zu immer schnelleren Änderungen führt. Es ist auch deshalb hilfreich, weil es uns deutlich macht, warum manche der als angebliche Inflationskur anerkannten politischen Maßnahmen immer wieder versagt haben.

Eine der am häufigsten versuchten Methoden zur Inflationskontrolle ist die Erhöhung der Zinssätze. Wir haben zwar Zinssätze schon weiter vorn in diesem Buch behandelt, aber man sollte die Aussage wiederholen: Zinszahlungen sind auf die Verteilung von bestehendem Geld bezogen; sie verlagern Geldeinheiten vom Kreditnehmer zum Kreditgeber und schaffen nicht eine einzige neue Geldeinheit. Erhöhte Zinssätze bewirken sogar das Gegenteil von dem, was sie sollen. Sie bieten Banken einen Anreiz, mehr Geld zu verleihen. Und was noch schlimmer ist: Sie belasten Geschäfte auf beiden Seiten, denn sie erhöhen die eigenen Kosten. Dadurch haben die Unternehmen weniger Mittel für andere Ausgaben zur Verfügung. In der Folge fallen die Verkaufszahlen bei gleichzeitig steigenden Kosten. Das ist Aderlaß an der Wirtschaft und führt zu höherer Arbeitslosigkeit und zu zunehmender Zahlungsunfähigkeit von Einzelpersonen und Firmen.

Dennoch sind in den westlichen Industrieländern Zinserhöhungen nach wie vor das bevorzugte Mittel zur Inflationsbekämpfung. Und Zinssenkungen bleiben weiterhin das Mittel der Wahl zur Ankurbelung der Wirtschaft. Niedrigere Zinsen sind zwar insofern nützlich, als sie die laufenden Kosten von Kreditnehmern verringern, doch ist das nicht ihr wahrer Zweck. Zinsen werden gesenkt, um mehr Leute zu Krediten und zu Ausgaben anzuregen, um dadurch die Produktion anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen.

Nüchtern betrachtet ist die so begründete Zinssenkung eine perverse Methode. Sie ermutigt unter dem Deckmantel, eine gesündere Wirtschaft schaffen zu wollen, mehr Privatleute und Unternehmen zum Schuldenmachen. Sie behauptet, die Wirtschaft sei nicht so gesund wie sie sein könnte, entweder weil nicht genügend Privatleute und Firmen verschuldet sind oder weil diejenigen, die verschuldet sind, nicht tief genug in den roten Zahlen stecken. 

Doch die Schulden sind es, durch die Einzelpersonen, Firmen und letztlich die Wirtschaft ruiniert werden. Zinssätze als Mittel zur Manipulation oder Steuerung von wirtschaftlichen Zyklen sollte man besser heute als morgen aufgeben.

Manche Finanztheoretiker haben erkannt, daß der Anstieg der Geldmenge die wirkliche Ursache der Inflation ist. Soweit liegen sie richtig. Ihre Lösungen schlagen aber immer fehl. Denn um Inflation anzuhalten, darf man sich nicht auf Maßnahmen zur Verteilung bestehender Geldeinheiten beschränken. Um Inflation anzuhalten, müssen wir die Produktion neuer Geldeinheiten einstellen.

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Die Uhr läuft ab

 

Läuft dem westlichen Gesellschaftssystem die Zeit davon? Können wir es uns noch leisten, die Warnungen in den Wind zu schlagen? Es scheint doch, daß eine Wirtschaftkrise der anderen folgt, und daß jede davon den Westen in tiefere Rezessionen stürzt. Wir sahen die Verschuldungskrise der Dritten Welt, den Zusammenbruch der Spar- und Kreditbanken in den Vereinigten Staaten, zwei Krisen des Immobilienmarktes in Großbritannien, den Zusammenbruch der Börse in Japan, den dramatischen Wertverlust von US-Dollar und Pfund Sterling; wir haben erlebt, wie das Europäische Währungssystem (EWS) unter dem Entwertungsdruck scheiterte, wie die deutsche Wiedervereinigung die D-Mark untergraben hat; und wir hatten drei Talfahrten der Wirtschaft, die Anfang der 90er Jahre in England zur schlimmsten Rezession seit den 30er Jahren führten. All das geschah, seit Präsident Nixon 1971 das 'Gold-Fenster' schloß.

Es können kaum mehr Zweifel daran bestehen, daß bei jeder dieser Krisen das unvernünftige Verhalten der Banken eine bedeutende Rolle gespielt hat. Und wir sollten den Alarm nicht überhören, den uns diese Krisen signalisieren: das internationale Bankensystem hat die Geldmenge weltweit bereits zu einem Punkt der Unkontrollierbarkeit aufgebläht. Da es keine internationale Zentralbank gibt, keinen internationalen obersten Retter, muß man durchaus mit der Möglichkeit eines Zusammenbruch des Weltwährungssystems rechnen. Man hat sogar schon davon gesprochen, die Bank für internationalen Zahlungsausgleich zu einer Welt-Zentralbank umzuwidmen. Doch könnte eine solche internationale Zentralbank letztlich den Zusammenbruch unseres bestehenden Papiergeldsystems nur vorübergehend verhindern. Sie könnte bestehenden, in Bedrängnis geratenen Zentralbanken unter die Arme greifen, die dann wiederum ihre zusammenbrechenden nationalen Geschäftsbanken retten könnten. Aber all das ist nur ein altes Stück, gespielt auf einer neuen Bühne: So entstanden ja die nationalen Zentralbanken.

Wenn in den Anfangstagen des Bankwesens die Anleger an der Sicherheit ihrer Einlagen bei einer bestimmten Bank zu zweifeln begannen marschierten alle gleichzeitig an, um ihre Einlagen abzuheben. Weil die Bank ihr Geschäft auf der Vorspiegelung falscher Tatsachen aufgebaut hatte stand nicht genügend Geld zur Verfügung, alle Anleger auszuzahlen. Entweder verloren manche Anleger ihre gesamten Einlagen oder alle einen Teil ihrer Einlage. Wenn dann auch Kunden anderer privater Geschäftsbanken zu zweifeln begannen, waren plötzlich alle Banken mit ihren Einlagen in Gefahr. Aus dieser Situation heraus, da Banken und ihre Anleger dasselbe Interesse hatten, richteten die Regierungen Zentralbanken ein, sozusagen als letzte kreditgebende Instanz für bedrohte Banken. Diese neu etablierten Zentralbanken konnten dann Geld zur Verfügung stellen, wenn Geschäftsbanken unfähig waren, die Abhebungen ihrer Kunden zu decken. Auf diese Weise stellten Zentralbanken die Kontinuität sowohl der Kundeneinlagen als auch der Banken selbst sicher.

Doch gerade hier liegt die Ursache der Schwierigkeiten. Indem solchen Banken, die unstabil wurden eine Sicherheit geboten wurde, ermöglichten es die Zentralbanken, daß die grundlegende Vorspiegelung falscher Tatsachen ungestraft weitergeführt und noch dazu legitimiert wurde. Und jetzt erleben wir die Konsequenzen: massive Irrationalität seitens der Regierungen, der Zentralbanken selbst und des gesamten Bankwesens.

Die Einrichtung einer Welt-Zentralbank kann die Misere nur noch verlängern. Sie wird die Leichtfertigkeit von Regierungen, Zentralbanken und Banken nur noch weiter sanktionieren. Sie können ihre jeweilige verantwortungslose Politik auf einer höheren Ebene fortzusetzen, bis auch hier der Zustand von Unkontrollierbarkeit erreicht ist. Denn danach wird sich keine weitere Krücke mehr für das Weltwährungssystem finden lassen. Irgendwann muß einfach jedes System, das auf Täuschung aufgebaut ist, in sich zusammenbrechen.

Einzelne Regierungen verfolgen eine Politik fortwährender wirtschaftlicher Expansion ohne Rücksicht auf die Folgen. Sie sind überzeugt davon, daß Wachstum der einzige Weg aus einer Rezession darstellt, d.h. die negative Spirale durch die Multiplikatoreffekte des Wachstums zu ersetzen. Die Mittel aber, die zur Wachstumförderung eingesetzt werden, schwächen das System als Ganzes.

Im Laufe einer Rezession wird ein Teil der Kreditnehmer den verringerten Umsatz abfedern und dazu noch genug einsparen können, um die Schulden weiter zu bedienen. Ihre Zahlungen wiederum stärken die Position der erfolgreichen Banken. Sobald die Banken durch Rückzahlungen und neue Einlagen ausreichend Geld erhalten haben, fühlen sie sich wieder sicher genug, ihre Geldverleihgeschäfte neu anzukurbeln. Doch werden dann viele Kreditnehmer, die ihre Kreditwürdigkeit schon bewiesen haben, noch keinen Bedarf an neuem Kapital zum Ausbau bestehender Produktionskapazitäten haben; im Gegenteil, viele Industriezweige werden immer noch überschüssige Produktionskapazität besitzen. Also bleiben die Banken mit ihrem natürlichen Expansionsdrang vorläufig ohne Erfolg.

Um ihre Geldverleihtätigkeit auszudehnen, mußten die Banken in der Vergangenheit über den Kreis ihrer bewährten Kreditnehmer hinausgehen. Deshalb wurden die Kreditbedingungen so verändert, daß der Kreditmarkt auf eine größere Bevölkerungsschicht erweitert werden konnte. Die Kriterien der Kreditwürdigkeit mußten also verwässert werden, und dadurch wurde die Deckung für das Geld der Anleger unterminiert. Der Schwerpunkt des Kreditgeschäfts wechselte von der Finanzierung von Produktionskapazität zur Finanzierung von Konsum. Auf diese Weise konnten die Banken ihren Gesamtkreditvolumen erweitern. Mehr Geldverleih bedeutet höhere Einnahmen aus Zinsen; das bedeutet höhere Profite und letztlich höhere Inflation.

Diese Denk- und Handlungsweise ist es aber, die immer wieder zu Branchenkrisen und Konjunkturzyklen führt. Die Ausdehnung des Kreditgeschäfts führt über die Multiplikatoreffekte zu einer Ertragsverbesserung und direkt in ein allgemeines Wirtschaftswachstum. Der Unterschied zwischen Branchenkrisen und Konjunkturzyklen besteht letzlich nur in der Größe des davon betroffenen Marktes. Die Wurzel aller Arten von Zyklen ist immer die Kreditaktivität von Banken.

Jeder allgemeinen Wirtschaftsexpansion folgte immer noch ein allgemeiner Wirtschaftsrückgang, dessen Dauer davon abhing, wie schnell die Banken durch Kredit-Rückzahlungen ihre Reserven wiederauffüllen konnten. Sobald ihre Reserven wieder stark genug waren, um die Kreditausgabe wieder weiter ausbauen zukönnen, mußten die Banken in der Vergangenheit oft auf einem breiteren Markt nach kreditwürdigen Kunden suchen. Aber auch hier läuft die Uhr ab, da es kaum noch Wachstumsmöglichkeiten gibt.

Ursprünglich war das Vorrecht der Kreditgewährung auf die Wohlhabenden beschränkt, auf jenen Kreis von Personen, deren Besitz viel mehr wert war als der Betrag, den sie sich ausleihen wollten, oder die genug Macht hatten, um an das zum Zurückzahlen eines Kredits nötige Geld heranzukommen. Es waren Grundbesitzer, reiche Kaufleute, Fabrikanten, Könige, Prinzen und Regierungen, die sich Geld ausleihen konnten. Heute ist es nicht einmal mehr nötig, etwas zu besitzen; das nächste Gehalt reicht schon als Sicherheit _ noch nicht verdientes Geld mit unbekanntem zukünftigen Wert. Auf diese Weise ist der Kreditmarkt über den Kreis der Reichen und Mächtigen hinaus so erweitert worden, daß er heute die einfachsten Schichten der Gesellschaft mit einschließt.

In den Ländern der westlichen, industrialisierten Welt ist es bestimmt schwierig, sich eine Ausweitung des Kreditmarktes auf einen noch breiteren Personenkreis vorzustellen. Doch wie steht es mit dem Kreditmarkt außerhalb des industrialisierten Westens? Es ist recht unwahrscheinlich, daß die Löhne in wirtschaftlich noch wenig entwickelten Ländern ihren Bürgern genug Kreditfähigkeit gewähren, um die Geldverleihtätigkeit der westlichen Banken spürbar anzukurbeln. Im Laufe der Geschichte haben langfristige Verträge die Kaufkraft der Preise, die an weniger entwickelte Länder für Rohstoffe gezahlt wurden, stets niedriggehalten. Erinnern Sie sich an die gemeinsame Wirkung von langfristigen Verträgen und Inflation auf die Kaufkraft des Preises, der der Iranian Oil Company pro Tonne Rohöl bezahlt wurde. Erst als sich die wichtigen ölexportierenden Länder der Welt in der OPEC zu einem Kartell zusammenfanden, hatten sie genug Macht, um den Ölpreis anzuheben und ihre Verluste wieder wettzumachen. Von den Herstellerländern anderer, für die Industrie und den Lebensstandard der westlichen Welt wichtiger Rohstoffe waren nur wenige imstande, sich zu solchen Kartellen zusammenzuschließen.

Zur gleichen Zeit haben Löhne und Preise in den industrialisierten Ländern massiv angezogen. Das Gleiche gilt für die Kosten der Finanzierung und der Bereitstellung von Maschinen und Gebäuden. Das alles hat dazu geführt, daß heute im Westen die Rohstoffe oft einen unrealistisch kleinen Anteil der Produktionskosten darstellen. Dazu kommt, daß viele der Rohstoffproduzenten in den nichtindustrialisierten Ländern, seien es Erzgruben oder landwirtschaftliche Großbetriebe, die einzigen Arbeitgeber ihrer Region sind. Dadurch können sie die Löhne drücken, die an die dort ansässigen und deshalb abhängigen Arbeiter bezahlt werden. In einer Provinz der Dominikanischen Republik beispielsweise gibt es außer einem Bauxitbergwerk fast keine andere Arbeitsmöglichkeit. Es besteht also um die Arbeitskräfte kaum eine Konkurrenz, die sich positiv auf die Entwicklung der Löhne auswirken könnte. Kaum anders sieht es in dieser Hinsicht in vielen der Gruben in Südafrika und auf den meisten Plantagen der Rohrzuckerproduktion in der Karibik und in Mittelamerika aus. Lohnempfänger in den weniger entwickelten Ländern konnten deshalb bis heute keine angemessenen Löhne verlangen und haben ein viel niedrigeres Einkommen als die Arbeiter im industrialisierten Westen. Versuche, den Kreditmarkt auf breitere Bevölkerungsschichten der Dritten Welt auszudehnen, werden also keinen Aufschwung bringen, der in den industrialisierten Ländern spürbar werden könnte.

Andererseits kann die Ausdehnung des Kreditgeschäftes in den Rohstoffländern der Dritten Welt zum Wirtschaftswachstum in ihren eigenen Märkten führen. Genau das geschieht derzeit im pazifischen Raum mit den boomenden Volkswirtschaften in Korea, Taiwan, Singapur und Malaysia. Und China folgt nicht weit hinterher. Die Industrie dieser Länder, die vor wenigen Jahren noch als 'Schwellenländer' bezeichnet wurden, konkurriert inzwischen mit der des Westens, und sie haben auch schon ihr eigenes expansives Bankwesen. Doch früher oder später werden auch sie an eine Grenze stoßen.

Es gibt eine genau bestimmbare Grenzlinie für die Fortentwicklung der Expansions- und Kontraktionszyklen, nämlich den Zeitpunkt, an dem alle etablierten und potentiellen Kreditnehmer zusammen sich nichts mehr ausleihen können und damit die Kreditkapazität der gesamten Weltbevölkerung erschöpft ist. Danach gibt es keine Erweiterung des Kreditmarktes mehr, außer sie entsteht aus der Rückführung bestehender Kredite oder einem Anwachsen der Weltbevölkerung. Doch beides kann nicht schnell genug geschehen, um eine neue substanzielle Expansionswelle zu tragen.

Es könnte aber auch geschehen, daß noch vor der totalen Erschöpfung des Welt-Kreditmarktes die weltweite Gesamt-Produktionskapazität in ein solches Mißverhältnis zum weltweiten Bedarf gerät, daß niemand mehr ernsthaft an neue Produktionskapazitäten denken wird. Wenn keine neue Produktionskapazität mehr zu schaffen ist, gibt es auch keine spürbare Expansionswelle mehr.

Expansion der Geldmenge ist aber Voraussetzung für die Produktion neuer Geldeinheiten. Die wiederum ist nötig, um Abhebungen decken und das Vertrauen der Kunden zu bewahren zu können. Ohne laufende Expansion kann das Bankensystem nicht überleben. Ohne neue Kredite kann das Bankensystem nicht expandieren. Ohne grundlegende Änderungen im System sieht es für die Zukunft des westlichen Banken- und Währungssystems düster aus.

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ZWEITER TEIL
 

Redliches Geld

 

Die Voraussetzungen für ein gesundes Geldsystem

 

Wenn wir vermeiden wollen, daß unser Währungssystem zusammenbricht, müssen wir grundlegende Änderungen bewirken. Bevor aber irgendwelche Maßnahmen unternommen werden, sollten wir uns ein klares Bild davon schaffen, welche Grundlagen für verläßliches Geld und ein tragfähiges Währungssystem nötig sind. Wir müssen uns selber die Richtung vorgeben. Redlichkeit und Genauigkeit sind dafür die Voraussetzungen.

Geld hat drei spezifische Funktionen. Es dient:

1. als Maßeinheit für den Tauschwert von Waren und Dienstleistungen

2. als Tauschmittel

3. als Aufbewahrungsform von Tauschwert für die Zukunft.

Ein Artikel, der laufend an Wert verliert, kann niemals als Maß oder als Aufbewahrungsform eines Tauschwertes dienen. Verderbliche Ware, wie beispielsweise Tomaten, erleiden automatisch einen Wertverlust und erweist sich deshalb als nicht brauchbar.

Das Material, das sich zur Wertsicherung von Geld bisher am besten bewährte, ist Gold. Seine Eigenschaften sind dafür beinahe ideal. Es ist selten, und um davon geringe Mengen zu produzieren bedarf es eines großen Aufwands. Gold ist gleichförmig und kann deshalb in kleine Einheiten identischer Größe und Qualität und identischen Tauschwerts aufgeteilt werden. Es ist chemisch inaktiv und unterliegt daher keiner physikalisch bedingten Wertminderung, etwa durch Korrosion. Gold besteht damit die erste Eignungsprüfung. Es gilt aber noch weitere Hürden zu überwinden.

Angebot und Nachfrage spielen eine Rolle bei der Festlegung des Tauschwertes eines jeden Gegenstandes. In bezug auf Geld entspricht die Nachfrage dem Bedarf, der sich aus Anzahl und Gesamtwert der Transaktionen eines Marktes ergibt. In dem Maße, wie das Überleben einer arbeitsteiligen Gesellschaft von Tauschaktionen abhängt, wird es also eine Mindest-Nachfrage nach Geld geben: die Geldmenge, die die Menschen eines Marktes zum Kauf von Lebensmitteln, Kleidung und Unterkunft brauchen. Sowohl Anzahl als auch Gesamtwert der Transaktionen ändern sich mit der Größe einer Gruppe von Menschen, der Bevölkerung einer Region, und ihren Erwartungen und Bedürfnissen. Nimmt die Bevölkerung oder ihr Lebensstandard zu, erhöht sich folglich die Notwendigkeit von Transaktionen und damit die Nachfrage nach Geld.

Ein Material, das sich als Geld eignen soll, muß auch den Bedürfnissen des einfachen Mannes für seine Transaktionen auf dem Markt entsprechen. Es muß genug davon in kleiner Form geben, daß eine Person für die zu erwartenden täglichen Transaktionen ausreichend bei sich tragen kann. Das Material also, aus dem Geld gemacht ist, sollte in kleine und identische Einheiten teilbar sein, die einen relativ hohen Tauschwert besitzen. Ein seltenes und homogenes Material wie Gold eignet sich also gut für diesen Zweck. 

Material, das sehr selten ist, bedarf eines hohen Aufwands, es zu finden, zu schürfen und aufzubereiten. Würde der Tauschwert von Geld zu sehr sinken, dürften sich diejenigen, die es herstellen, wohl nach einträglicherer Arbeit umsehen. Dann würde die Produktion immer weiter gebremst, bis die Nachfrage wieder ausreichend über dem Angebot läge, um den Tauschwert des Geldes wieder zu heben. Damit wiederum entstünde ein höherer Anreiz zur Produktion _ bis zur nächsten Sättigung des Marktes. Im Laufe der Zeit dürfte sein Tauschwert immer weniger schwanken, bis letztlich eine gewisse Preisstabilität erreicht ist. Wichtig ist hier, sich klarzumachen, daß das Angebot des als Geld verwendeten Materials nur von der Bereitschaft von Menschen abhängt, für seine Produktion Energie aufzuwenden. Im Idealfall sollte das Material, das als Geld verwendet wird, einen möglichst konstanten Tauschwert besitzen. Dazu müßte es in solcher Menge und in solchem Zustand verfügbar sein, daß jede meßbare Einheit menschlicher Energie genau die gleiche Menge und Qualität davon produziert. Dieser Bedingung entspricht Gold nicht, und ein Material, das dieser Anforderungen genügt, wurde bisher auch nicht gefunden. Die ideale Geldeinheit gibt es also noch nicht.

Gold hat nichts Magisches an sich, das seine Verwendung als Tauschmittel unbedingt notwendig macht. Sicher besitzt Gold mehr derjenigen Eigenschaften, die es für ein Tauschmedium geeignet machen, als jedes andere Material. Das wurde im Lauf der Geschichte von den Menschen auch erkannt. Sollte es jemals wieder als Zahlungsmittel zugelassen werden, werden die Menschen es sehr wahrscheinlich auch wieder benützen.

Papiergeld dagegen ist kein Naturprodukt, sondern wird als reines Kunstprodukt von Menschen, aus geringwertigen Rohmaterialien hergestellt. Der Mensch sollte es darum auch wirklich kontrollieren können, und zwar besonders die folgenden Schwächen:

1. Es ist zu leicht herzustellen

2. Es unterliegt Abnutzung, Beschädigung und Zerstörung

3. Es besteht kein Verhältnis zwischen seinen Produktionskosten und seinem Tauschwert; seine Produktion ist ausschließlich durch selbst auferlegte Zurückhaltung beschränkt.

Wir wissen, daß jeder Zuwachs der Menge an Papiergeldeinheiten den Eigentümern bestehender Banknoten den entsprechenden Tauschwert entzieht und auf die Empfänger der neu geschaffenen Scheine überträgt. Wir wissen, daß unter dem Papiergeldsystem eine erhöhte Geldmenge die Größe der Tauschwerteinheit mindert und all die oben beschriebenen Verzerrungen mit sich bringt. Es ist also klar, daß keinerlei Geldproduktion erlaubt sein darf, die eine bestehende Geldmenge erhöht. Wenn wir unser Papiergeldsystem retten wollen, müssen Regelungen eingeführt werden, die bewirken, daß neues Geld nur zum Ersatz abgenutzter oder beschädigter Scheine und Münzen produziert wird. Außerdem müssen die Geldverleihaktivitäten der Banken sofort eingestellt werden. Die dazu nötigen Kontrollmechanismen müssen sehr wirksam sein und rigoros durchgesetzt werden.

Sind diese Mechanismen einmal etabliert, werden wir wieder Ereignisse auf dem Markt erleben, die schon lange in Vergessenheit geraten sind. Mit jedem Anwachsen der Bevölkerung oder der Lebensstandard-Erwartungen der bestehenden Bevölkerung wird die Zahl der Transaktionen ansteigen und damit die Nachfrage nach Geld. Wenn die Geldmenge nicht ansteigen kann, wird die gesteigerte Nachfrage zu einem erhöhten Tauschwert des Geldes führen. Das heißt, daß Preise fallen und die gleiche Geldmenge für einen größeren Umfang an Transaktionen ausreicht. Die Wirtschaft eines Landes kann also ohne Aufstocken der Geldmenge durchaus wachsen.

Natürlich gibt es dabei einen Haken: Wenn der Wert des Geldes ansteigt, werden manche Menschen ihr Geld lieber behalten, anstatt es auszugeben. Das Horten von Geld oder ein plötzliches Überschwemmen des Marktes mit Geld könnte dann zu unnatürlich großen Pendelschwüngen des Geldwertes führen, was wiederum den Markt schwerwiegend stören könnte.

Diese Hürde läßt sich jedoch leicht überwinden, denn der Anstieg des Tauschwertes von Geld wird Menschen dazu bewegen, anstelle von Geld lieber mit etwas anderem einzukaufen, damit sie ihr wertvolles Geld behalten können. Käufer werden den Verkäufern für deren Güter und Dienstleistungen anstelle von Geld Ersatzwerte anbieten. Schließlich werden Transaktionen mit Ersatzwerten stattfinden, die für beide Seiten akzeptabel sind. Früher oder später werden sich gewisse allgemein anerkannte Ersatzwerte herauskristallisieren.

Würde man nun diese Ersatzwerte auch zu legalen Zahlungsmitteln oder Geldeinheiten erklären, würde die Geldmenge genau der Nachfrage entsprechend anwachsen. Dieser Anstieg der Geldmenge würde sich aber grundlegend von dem unterscheiden, den wir derzeit erleben. Jeder Geldersatz hätte ja auch schon vor seiner Verwendung als Zahlungsmittel seinen eigenständigen Tauschwert gehabt. Ihn schließlich als Zahlungsmittel zu verwenden, hieße keinem Eigentümer von Papiergeld auch nur einen Groschen Kaufkraft entziehen; der Wert des Geldes selbst würde also weitgehend konstant bleiben.

So können wir sehen, daß sich ein Ansatz entwikkeln läßt, mit dem das bestehende Papiergeldsystem aufrechterhalten und der Wert seiner bestehenden Einheiten stabilisiert werden kann _ eine Vorgehensweise, die uns eine Gesamt-Geldmenge gibt, die je nach Nachfrage in natürlicher Weise wachsen kann. Das muß unser Ziel sein.

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Radikales Umdenken

 

Um herauszufinden, wie wir das oben definierte Ziel erreichen können, müssen wir den gesetzlichen Rahmen untersuchen, innerhalb dessen Geld gehandelt und investiert wird. In den meisten Ländern haben Vertrags- und Steuerrecht einen Markt geschaffen, in welchem kreditfinanzierte Investitionen gegenüber Beteiligungs-Investitionen begünstigt sind. Es wird wohl unumgänglich sein, daß jedes Land, das eine tragfähige Währung besitzen will, seine gegenwärtige Gesetzgebung ändert. Ein Blick auf die Entscheidungsalternativen privater Investoren zeigt uns die Gründe für diese Forderung auf.

Ein Sparer, der sein Geld für eine zukünftige Verwendung sicher aufbewahren will, hat vier Möglichkeiten:

1. Er kann das Geld in einen Safe legen und hier sicher vor Diebstahl und Brand aufbewahren

2. Er kann es für Waren, Produkte oder gegen Immobilien eintauschen

3. Er kann es gegen ein Unternehmen oder eine Beteiligung eintauschen

4. Er kann es verleihen

Geld in einem Safe aufzubewahren hat den Nachteil, daß es kostspielig ist, gleichgültig, ob man den Platz dafür mietet oder selbst baut. Soweit der Wert des Geldes nicht steigt, werden diese Kosten nicht aufgefangen, und die aufbewahrte Geldmenge reduziert sich laufend um den Preis der Aufbewahrung. Um es billiger zu machen, könnte man einen weniger sicheren Aufbewahrungsort wählen, doch das erhöht das Risiko eines Verlustes, der dann allerdings vollständig sein könnte.

Der Sparer kann sein Geld auch für Waren, Gegenstände oder Immobilien eintauschen, deren Wert im Zeitablauf stärker zunimmt, als der Geldwert. Doch steckt auch hier ein Risiko: Der Tausch ist endgültig, und der Wert der eingetauschten Gegenstände und Besitztümer kann auch fallen. Dadurch kann der Sparer größere Verluste erleiden, als wenn er das Geld nur im Safe gelagert hätte. Darüberhinaus müssen auch Waren und Gegenstände sicher gelagert und Immobilien verwaltet und unterhalten werden.

Auch eine Beteiligungsinvestition bedeutet einen endgültigen Tausch. Sie ist ein Tausch von Geld gegen Eigentum, Partnerschaft oder Anteile an einem Unternehmen. Nach dem Tausch besitzt der Investor nicht mehr das Geld, sondern etwas das man Vermögen nennen kann, das aber kein Geld mehr ist.

Eine erfolgreiche Beteiligungs-Investition bedeutet, daß der Tauschwert der Beteiligung steigt, und daß der entsprechende Anteil an den Gewinnen dem Eigentümer ein Einkommen bringt. Eine solche Beteiligung birgt auch eindeutige Risiken. Ihr Wert kann nicht nur steigen, sondern auch fallen, wenn ein Unternehmen keinen Gewinn macht oder sogar scheitert. Dann erhalten seine Investoren keine Gewinnbeteiligung; schlimmer noch, sie könnten ihre gesamte Einlage verlieren. Das Risiko tragen allein die Investoren.

Geld zu verleihen ist ebenfalls eine Art Investition, stellt jedoch nur eine vorübergehende Transaktion dar und umgeht die Risiken eines endgültigen Tausches. Indem er Geld verleiht, erlaubt der Investor dem Kreditnehmer nur, die geliehenen Geldeinheiten vorübergehend zu benützen. Zu einem bestimmten Termin muß der Kreditnehmer die geliehene Summe zurückzahlen. Kreditverträge und Pfandsicherheiten lassen sich außerdem rechtlich geltend machen. Ein Kreditgeber kann Polizei und Gerichte in Anspruch nehmen, um seine Außenstände einzutreiben. Diese vom Steuerzahler finanzierten Institutionen sind verpflichtet, Zeit und Energie aufzuwenden, damit ein Kreditgeber nicht das verliehene Geld oder die dafür geschuldeten Zinsen verliert.

Wenn Sie ihr Haus verlieren, ist es der Gerichtsvollzieher, der es Ihnen wegnimmt. Wenn Ihr Geschäft durch Schulden in den Konkurs getrieben wird, ist es ein Gericht, das den Konkurs regelt. Die Steuerzahler müssen also ihr Geld aufwenden, damit Kreditgeber das ihre nicht verlieren. Wenn ein Gericht einen Gerichtsvollzieher zu einem verschuldeten Unternehmen schickt, muß sogar dafür die bankrotte Firma noch die Kosten dafür tragen. Besitzt eine Firma noch Vermögenswerte, die ihr in dieser Situation nützen könnten, begleicht der vom Gericht bestellte Konkursverwalter daraus erst einmal die Abwicklungs- und Eintreibungskosten.

Die bestehenden Gesetze, schützen Kreditgeber vor Verlusten aus Investitionen, die sie freiwillig unternommen haben. Die Realität hinter einem geplatzten Kredit ist aber, daß der Kreditgeber eine Fehleinschätzung begangen hat, indem er den Kredit dem Schuldner überhaupt gewährte. Man kann seine Schuld durchaus mit der des Kreditnehmers vergleichen, denn beide glaubten bei Vertragsabschluß, er würde den Kredit zurückzahlen können. Kann er das nicht, haben beide _ der Kreditgeber wie der Kreditnehmer _ den gleichen schuldhaften Fehler begangen. Das Gesetz aber behandelt den einen Fehler ganz anders als den anderen.

Wenn man sich die Wahlmöglichkeiten eines Anlegers betrachtet, entdeckt man im Gesetz ein hohes Maß an Ungleichheit. Firmen scheitern aus den verschiedensten Gründen: schlechte Planung, Kapitalmangel; persönliches Unvermögen oder sogar unehrliches Verhalten. Wer sein Geld in einer Firma anlegt, trägt die volle Verantwortung für eine damit womöglich verbundene Fehleinschätzung; er kann seine gesamte Investition verlieren. Wer sein Geld jedoch als Darlehen verleiht _ und wenn er dabei möglicherweise genauso einer Fehleinschätzung aufsitzt wie der optimistische Kreditnehmer _, der genießt dafür ein bedeutendes Maß an Sicherheit und Schutz: Steuerzahler stellen dem Kreditgeber die volle Unterstützung der Polizei, der Konkursgerichte und in manchen Fällen sogar des Strafvollzugs zur Seite, damit er soviel wie möglich von seinem Geld retten kann.

Daraus folgt, daß der Geldverleiher einen großen Teil seiner Eintreibungskosten auf den Steuerzahler abwälzen kann, oft sogar sämtliche dieser Kosten, wenn nämlich von dem bankrotten Schuldner nichts mehr zu holen ist. Von Gesetzes wegen muß das Geld der Steuerzahler vergeudet werden, um die Verluste von Geldverleihern so gering wie möglich zu halten. So gewährt die Gesellschaft den Darlehensinvestoren einen Schutzschild, den sie Beteiligungsinvestoren versagt. Die Abfolge der Risikoträger bei Krediten beginnt beim Kreditnehmer, dann kommt der Steuerzahler und erst ganz zum Schluß der Kreditgeber. Beteiligungsinvestoren nimmt niemand auch nur einen Teil ihres Risikos ab, sie tragen das ganze Risiko alleine.

Die Diskriminierung von Beteiligungsinvestoren zugunsten der Darlehensinvestoren geht tatsächlich noch weiter. Die Steuergesetzgebung erlaubt, daß Zinszahlungen von den zu versteuernden Profiten abgezogen werden, während Dividenden an Eigentumer erst nach Abzug der Steuer ausgeschüttet werden dürfen. Eine Firma muß deshalb viel mehr erwirtschaften, um einem Investor den Gewinn zu verschaffen, den er durch ein Darlehen erzielen würde.

Wenn Sie beispielsweise einer Firma DM 1.000,- zu 6 Prozent Zinsen leihen, muß diese Firma DM 60,- Profit erwirtschaften, um Ihnen die Zinsen zu zahlen. Kaufen Sie dagegen für DM 1.000,- eine Beteiligung an derselben Firma, müßte sie erst Steuern bezahlen, bevor sie Ihnen eine Gewinnbeteiligung auszahlte. Bei einer Steuer von 33 Prozent müßte die Firma DM 90,-, also eineinhalbmal soviel Gewinn erwirtschaften, und dann erst einmal DM 30,- Steuern dafür bezahlen, bevor sie Ihnen ihre DM 60,- Gewinnbeteiligung ausschütten dürfte.

Es ist also ganz verständlich, daß Anleger ihre Investitionen so aufteilen, daß sie soviel wie möglich in Darlehen investieren und sowenig wie möglich in Beteiligungen. Auf diese Weise zahlen sie weniger Steuern. Die Regierung aber erhält deshalb von Unternehmen auch weniger Steuern, und der private Steuerzahler hat einen größeren Anteil der öffentlichen Ausgaben zu tragen.

Geldverleihern werden vom Staat besondere Vorrechte eingeräumt. Und was erhält der Staat, was bekommt die Gesellschaft _ Bürger und Steuerzahler _ im Gegenzug für diese Vorrechte? Die Handlungen der institutionalisierten Geldverleiher entwerten unsere Währungen und produzieren regelrecht Inflation; sie verursachen die Wirtschaftskrisen und Konjunkturzyklen, die zu hohen Arbeitslosenquoten führen und die vielen anderen sozialen und wirtschaftlichen Verzerrungen nach sich ziehen, die hier weiter vorn bereits dargestellt wurden. Außerdem sind die Zinskosten der am schnellsten wachsende Posten gerade jener Staatshaushalte, von denen der einfache Steuerzahler einen unverhältnismäßig hohen Anteil zu tragen gezwungen ist.

Diese Ungleichheit muß beseitigt werden. Warum sollen Steuerzahler weiter so große Lasten tragen, um die Verluste der Geldverleiher auszugleichen? Haben Staatshaushalte nicht schon genug _ und schwer finanzierbare _ Aufgaben? Warum soll der Gewinn von Geldverleihern weniger besteuert werden, als der anderer Investoren? Und warum soll die Gesellschaft die konfliktfördernden und zerstörerischen Auswirkungen weiter tragen und ertragen, die aus diesem grundlegend mißratenen Geldverleihmechanismus erwachsen?

Wir sollten auf Gesetzesänderungen bestehen, die bewirken, daß die Geldverleiher die gesamten Kosten ihrer eigenen Fehleinschätzungen selbst aufbringen müssen, sodaß wir keinen Anteil mehr der durch Fehlentscheidungen von Geldverleihern entstandenen Eintreibungskosten tragen müssen, und daß alle Gewinne nach dem gleichen Recht besteuert werden.

Die Gesetzesparagraphen, die Geldverleiher schützen, sind die Mechanismen, die die Geldverleihfunktion an das Bankensystem binden. Denn ohne diese Gesetze hätten Banken beim Geldverleih keine so große Sicherheit mehr. Wir können diese Gesetze so ändern, daß alle Schulden _ wie es jetzt nur für Spielschulden gilt _ für gesetzlich nicht verfolgbar erklärt werden. Geldverleiher hätten dann ebensowenig Sicherheit wie die Investoren in Unternehmen. Geldverleiher könnten nicht mehr mit Gewißheit mit der Rückzahlung jener Kredite rechnen, die sie aus den Einlagen ihrer Kunden ausgeben.

Anleger hätten dann auch weniger Vertrauen darauf, daß Banken, die Geld verleihen, auch ein sicherer Ort für ihr Bargeld oder ihr Erspartes sind. Wer würde schon darauf vertrauen, daß sein Geld sicher untergebracht ist in einer Bank, die es dann als nicht gesetzlich eintreibbare Darlehen weitergibt? Wenn mit einem Darlehen irgend etwas fehlschlägt, wie soll der Anleger sein Geld zurückbekommen? Also müßten Banken das Kreditgeschäft zurückfahren oder ganz aufgeben. Um sein Geld zurückzubekommen, hinge ein Geldverleiher vollkommen von der Zuverlässigkeit seiner Kreditnehmer ab. Wer dagegen sein Geld in Beteiligungen anlegte, hätte sowohl die Zuverlässigkeit seiner Geschäftspartner als auch einen Eigentumsanteil an allem Kapital des Unternehmens. Beteiligungen wären plötzlich eine viel attraktivere Wahl.

Bestehende Verordnungen und die Steuerpolitik sind keine unveränderlichen Naturgesetze. Wo immer Kreditgeber Steuervorteile und Vollzugsunterstützung haben, kann der demokratische Staat seine Politik umstellen und Vorschriften ändern oder ganz streichen. Diese Änderungen werden das Kreditgeschäft als solches keineswegs verbieten. Jeder darf nach wie vor Kredite ausgeben, wenn er will; nur muß er das Risiko dafür selbst tragen. Die Gesetzesänderungen wären einfach eine offene Erklärung, daß die Gesellschaft nicht mehr bereit ist, Geldverleiher vor den Folgen ihrer eigenen Fehleinschätzungen zu schützen. Gerichte, Gerichtsvollzieher und Polizei hätten dann mehr Zeit für wichtigere Aufgaben. Darlehensschulden würden die gleiche rechtliche Position einnehmen wie Spielschulden, also nicht gesetzlich eintreibbar sein. Gesetzwidrige Eintreibungsmethoden wären für Darlehen ebensowenig erlaubt wie für Spielschulden. Geldverleih als Standardmethode der Finanzierung würde wegen seines Mangels an Sicherheit langsam aussterben.

Kredit würde natürlich weiter bestehen. Soweit jemand bereits als kreditwürdig etabliert ist, dürften auch in Zukunft Kreditverträge abgeschlossen werden. Hersteller werden weiter produzieren und ihre Produkte verkaufen müssen. Angenommen eine solche Gesetzesänderung würde beschlossen, dann müßte ein Hersteller eines Produktes alle seine Kunden und deren Kreditfähigkeit überprüfen. Diejenigen, auf die er sich verlassen kann, die ihre Rechnungen prompt bezahlen, würde er weiterhin auf Kredit beliefern. Bei anderen Kunden müßte er sorgfältig überdenken, ob sich das Risiko eines weiteren Kredits lohnt. Bei jedem Kunden müßte er abwägen zwischen dem Umfang seiner Bestellung und was diese Bestellung für die Auslastung seiner Produktionskapazität bedeutet, einerseits, und anderseits der Gefahr, nicht dafür bezahlt zu werden. Zweifellos würde er Kunden finden, von deren Zuverlässigkeit er ganz überzeugt ist, und andere, denen er zwar weniger vertraut, von denen er aber aus irgendwelchen Gründen glaubt, daß sie bezahlen werden. Das Ausmaß des Risikos wird gemildert sowohl durch die Notwendigkeit, die Firma mit einer gewissen Auslastunng in der Gewinnzone zu halten als auch durch die Höhe des Gewinns, der bei unterschiedlicher Auslastung zu erzielen ist.

Die Notwendigkeit, ein Unternehmen am Laufen zu halten, wird sicherstellen, daß Geschäfte und auch Kredite mit Kunden weiterlaufen werden. Das Risiko dabei wird aber ausschließlich von den Kreis der Firmen oder Einzelpersonen getragen, die den Kredit gewähren. Heute ist das noch ganz anders, denn heute gewähren Banken den Kredit und produzieren damit Inflation, die jeder Geldeinheit Kaufkraft stiehlt. Das Risiko tragen also die Sparer und ebenso alle, die von einem festen Einkommen abhängen.

Kommt es zu solchen neuen Gesetzen, so wird der einzige Rückhalt der Geldverleiher die Integrität der Kreditnehmer sein, gleich wie diese im einzelnen finanziell gestellt sind. Ohne sich der Verläßlichkeit eines Kreditnehmers sicher zu sein, würden wohl wenige ihr Bargeld oder ihre Ersparnisse riskieren. Heute dagegen ist Verläßlichkeit eines Kreditnehmers oft weniger wichtig als die Möglichkeiten der Kreditgeber, die Kreditbedingungen gesetzlich durchzudrücken. Wenn dieser Rückhalt in der Gesetzgebung nicht mehr bestünde, würde die gesellschaftliche Nachfrage nach persönlicher Integrität wachsen und entsprechende Verhaltensänderungen bewirken.

Die hier vorgeschlagenen Gesetzesänderungen können auf zweierlei Weise in die Praxis umgesetzt werden:

. Bestehende Kredite dürfen dem heutigen gesetzlichen Rahmen entsprechend weiterlaufen, so daß nur die nach einem Stichtag gewährten Darlehen nicht mehr gesetzlich eintreibbar werden; oder

2. Alle Schulden werden sofort als nicht mehr gesetzlich eintreibbar erklärt

Für die zweite Variante müssen die Gesetzesänderungen gleichzeit auch alle bestehenden Schulden in Eigentumsansprüchen umwandeln, außer in Fällen, wo Schuldner und Gläubiger übereinkommen, die Anleihe tatsächlich in Form eines Darlehens weiterzuführen.

Alle Gesetzesänderungen müssen Schuldner und Gläubiger gleichwertig und gerecht behandeln. Natürlich wird es auch skrupellose Schuldner geben, die sich je nach Möglichkeit einfach weigern, ihre Schulden zu begleichen. Zumindest muß jedes bestehende Schuldverhältnis in eine entsprechende Beteiligung an dem Unternehmen umgewandelt werden, in das investiert wurde. Also müssen Banken Anteile der Unternehmen erhalten, denen sie Geld geliehen haben. Andererseits müssen auch Banken in dem Maß, wie sie die Einlagen ihrer Kunden nicht bar decken können, diesen Kunden Beteiligungen überlassen.

Gesetze zum Schutz der Geldverleiher abzuschaffen und Darlehen in Eigentum umzuwandeln _ die gleichzeitige Durchführung beider Maßnahmen, kann für die Gesellschaft auf folgende segensreiche Wirkungen entfalten:

1. Die Produktion neuer Geldeinheiten durch die Banken wird beendet. Auf diese Weise kann Inflation vollkommen angehalten werden, die bestehenden Geldeinheiten verlieren nichts mehr von ihrer Kaufkraft. Sparen und wirtschaftliches Verhalten wird wieder unterstützt werden.

2. Viele Geldeinheiten, die ihrem Binnenmarkt entweder auf Zeit oder geographisch entzogen waren, werden in Beteiligungen umgewandelt. Dadurch wird verhindert, daß sie wieder als Geld in ihren Binnenmarkt eingeschleust werden und die dort bestehenden Geldeinheiten entwerten.

3. Die willkürliche Umverteilung von Tauschwert durch die Banken wird beendet. Kaufkraft würde nicht mehr Anlegern entzogen und auf Kreditnehmer übertragen werden. Indem man diesen Umverteilungsmechanismus eliminiert, macht man auch ein Besteuerungssystem überflüssig, das Kaufkraft und Tauschwerte wieder zurückverteilen soll.

4. Es wird dazu beitragen, daß der innere Wert eines Unternehmens wieder Hauptfaktor bei Investitionsentscheidungen wird. Bisher neigten Banken dazu, nur solchen Firmen Geld zu leihen, die ausreichende Sicherheiten besaßen. Menschen mit wertvollen Ideen und Projekten, aber ohne entsprechende Sicherheiten hatten oft keine Chance, Kapital aufzutreiben. Bei Beteiligungsinvestitionen hängt der Erfolg des Investors ausschließlich vom Erfolg des Unternehmens selbst ab: Chancengleicheit auf Basis von Leistungsfähigkeit würde plötzlich wieder Wirklichkeit werden.

Nichts davon wird sich herbeiträumen lassen. Dazu brauchen wir gesetzgeberische Initiative. Danach wird eine längere Anpassungs- und Übergangszeit nötig sein, bis sich die neue Situation wieder stabilisiert. Auch wird der Weg zu einer gesünderen Wirtschaft nicht leicht sein. Die westlichen Volkswirtschaften sind momentan durch und durch krank. Linderungs- und Beschönigungsversuche haben versagt. Jetzt bedarf es eines massiven 'chirurgischen Eingriffs' und der notwendigen Zeit zum Heilen. Die letzten beiden Kapitel befassen sich deshalb mit der Art des chirurgischen Eingriffs, mit den zur Heilung des Systems nötigen Schritten und mit den Vorteilen, die für uns alle daraus erwachsen können.

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Ein massiver chirurgischer Eingriff

 

Jetzt müssen wir uns mit einer ziemlich ernsten und schwierigen Frage auseinandersetzen: Wollen wir unser heutiges unredliches, unsauberes Bankwesen und Währungssystem wirklich in ein redliches und ehrliches System umwandeln?

Wollen wir das nicht, war alles bisherige lediglich eine intellektuelle Gedankenspielerei. Wenn wir es aber wollen, können wir tatsächlich beginnen, uns den Problemen von Inflation, Verschuldung, Arbeitslosigkeit und aufgeblähten Staatshaushalten zuzuwenden.

Natürlich besitzt keiner von uns einen Zauberstab, mit dem er alles nach Wunsch wahr machen kann. Jeder von uns aber ist in der Lage, das Problem zu durchdenken, die notwendigen Maßnahmen zu verstehen und unsere gewählten Repräsentanten zu beeinflussen. Es gibt genug Beispiele dafür, wie Politiker den Menschen gefolgt sind, wenn diese nur zahlreich genug und klare Vorbilder waren.

Die Maßnahmen, die nötig sind, um das Bankwesen von der Produktion neuer Geldeinheiten abzuhalten, sind recht direkt und klar. Es müssen Gesetze verabschiedet werden, die Kreditvereinbarungen vom Stichtag der Verabschiedung an nicht mehr gesetzlich eintreibbar machen. Diese Gesetze müssen sich mit allen bestehenden gesetzlichen Bestimmungen auseinandersetzen, die jeder Form von Kreditgeber Verleiher, Anleger oder Gläubiger Schutz gewähren. Die neuen Gesetze müssen prinzipiell, ab dem Zeitpunkt des Inkrafttretens, für alle Schulden, Darlehen und Einlagen, die danach neu vereinbart werden, jegliche Art der Schuldeneintreibung, jegliche öffentliche Hilfe für Schuldeneintreiber und jegliches gesetzliche Vorgehen gegen Schuldner abschaffen _ einschließlich des Konkursverfahrens. Davon ausgenommen sollten eventuell nur Steuerverfahren sein.

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Option 1: Bestehende Darlehen dürfen nach heutigen Bestimmungen weiterlaufen

Nach dieser Option wird sich für bestehende Schulden, bereits gewährte Kredite oder vor dem Inkrafttreten der neuen Gesetze getätigt Einlagen nichts ändern. Sie werden weiterhin nach den gesetzlichen Regelungen eintreibbar sein, die zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses galten.

Die Änderungen im Steuergesetz müssen gleichartig strukturiert sein. Um Zinszahlungen und Dividenden gleichberechtigt zu machen, muß entweder die Auszahlung von Gewinnbeteiligungen und Dividendenzahlungen als Abzug vor der Steuerfestsetzung erlaubt sein, oder Zinszahlungen müssen ebenfalls aus dem versteuerten Gewinn kommen. Viele Firmen hängen aber in einem solchen Ausmaß von Fremdfinanzierung ab, daß sie sich nach Abzug der Steuer die Zinszahlungen auf die laufenden Kredite nicht mehr leisten könnten. Damit diese Firmen überleben können, müssen sie weiterhin die Zinszahlungen vor der Versteuerung vom Gewinn abziehen dürfen. Und wenn bestehende Kredite weitergeführt werden dürfen, müssen auf solche Kredite auch die vor der Gesetzesänderung gültigen Steuergesetze weiter anwendbar sein.

Nach den neuen Gesetzen wird Verschuldung aber keine attraktive Option mehr darstellen, und die Geldverleihaktivitäten der Banken und des gesamten Bankwesens werden wegen des Mangels an Sicherheit langsam aufhören. Bestehende Darlehen werden früher oder später, je nach Laufzeit und Fälligkeitstermin, zurückgezahlt sein. Dadurch werden Geldeinheiten, die ihrem Binnenmarkt entweder auf Zeit oder geographisch entzogen waren, dem Markt wieder zugeführt. Dies erst wird den tatsächlichen Umfang der Geldmenge des betreffenden Landes zutage bringen. Dann auch wird es endlich möglich, den inländischen und internationalen Tauschwert einer Währung genau zu bestimmen. Dieser Prozeß kann jedoch erst beginnen, wenn alle bestehenden Kredite zurückgezahlt sind. Und das kann sehr lange dauern.

Vielen werden diese Änderungen nicht ausreichend vorkommen, weil sie die gegenwärtige Schuldenlast bestehen lassen. Firmen könnten noch nach dem alten Schuldrecht in Konkurs getrieben werden. Und die Zinsen müßten ebenfalls weiterhin bezahlt werden. Beide Faktoren würden immer noch zur wachsenden Arbeitslosigkeit beitragen. 

Was die Zinsen für die Staatsverschuldung den Steuerzahler kosten, ist astronomisch. Die Berechtigung dieser Kosten kann man mit gutem Grund in Frage stellen. Wenn die Regierung der einzig rechtmäßige 'Hersteller' von Geld ist, warum erlaubt der Staat dann anderen, in diesem Fall den Banken, Geld zu 'produzieren', und zahlt ihnen dafür auch noch Zinsen? Es ist doch sonst üblich, daß der Lizenznehmer an den, der ihm die Lizenz gewährt hat, Tantiemen oder Gebühren zahlt. Also sollten die Banken dem Staat Tantiemen zahlen, und nicht umgekehrt der Staat den Banken Zinsen. Staatshaushalte ließen sich enorm reduzieren, wenn man die Zinszahlungen abschaffen würde.

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Option 2: Alle Kreditforderungen werden sofort in Beteiligungen umgewandelt

Eine vollständige Umwandlung aller Ansprüche auf Rückzahlung ausgegebener Kredite in Beteiligungen ist eine radikalere, aber auch sauberere Lösung. Freilich ist dazu eine umfassendere Gesetzgebung nötig, die je nach Land unterschiedlich ausgeformt sein muß. Hier können deshalb nur die wichtigsten Grundstrukturen angesprochen werden.

Wir werden neue Gesetze brauchen, die sämtliche Bestimmungen zum Schutz jeder Form von Geldverleihern, Anlegern oder Gläubigern abschaffen. Mit Ausnahme von Maßnahmen zur Beitreibung von Steuerschulden muß der Gesetzgeber auch jede Art der Schuldeneintreibung, jede Unterstützung für Schuldeneintreiber und jedes Vorgehen gegen Schuldner, einschließlich der Verhängung und Abwicklung des Konkurses, aus dem Befugnisbereich der Polizei, der Gerichte oder anderer öffentlicher Institutionen des Rechtssystems streichen. Gleichzeitig müssen alle bestehenden Forderungen in Beteiligungen umgewandelt werden. Das wird mit Sicherheit eine riesige Aufgabe werden. Das Eigentumsrecht gelieferter Ware muß, falls sie mit Kredit bezahlt wurde, auf denjenigen übergehen, der den Kredit gegeben hat. Ausnahmen darf es nur geben, wenn beide Parteien übereinkommen, die Verschuldung als Kredit weiterzuführen _ vorausgesetzt, sie sind sich voll bewußt, daß die Schuld nicht mehr gesetzlich eintreibbar ist.

Diese beiden Gesetze werden natürlich zu Situationen führen, in denen die Beteiligten zur Klärung ihrer Ansprüche Hilfe von unabhängiger Seite brauchen. Dazu werden spezielle Schlichtungsstellen einzurichten sein, die den Parteien helfen, eine Einigung ihrer Fälle zu finden. Diese Gerichte würden sich finanziell selbst tragen, und zwar durch Gebühren, die einen festgelegten Prozentsatz des Streitwertes ausmachen und anteilmäßig von beiden Parteien bezahlt werden. Es wird also im Interesse der Parteien sein, sich zu einigen, bevor Gebühren fällig werden. Jeder stünde unter einem gewissen Druck, eine Einigungsbasis zu finden und dadurch die Kosten der Schlichtung zu vermeiden.

Die Umwandlung von Kreditrückzahlungsforderungen in Eigentumsanteile wird die Frage der Gewichtung der verschiedenen Ansprüche den Banken gegenüber aufwerfen. Keine Bank hätte wohl ausreichend Barbestände, um den Forderungen aller ihrer Anleger gerecht zu werden. Die berechtigten Ansprüche müssen also nach gewissen Prioritäten geordnet werden. Kunden mit Girokonten, die ihr Geld nur bei der Bank geparkt haben, sollten den Vorrang besitzen. Diejenigen Kunden, die ihr Geld als Investitionen in verzinsten Konten angelegt haben, kämen danach und befänden sich in der Situation, daß sie jetzt das tatsächliche Risiko ihrer Investition zu tragen hätten.

Ungedeckte Ansprüche müssen dann in Aktien an der betreffenden Bank umgewandelt werden. Denn jede Bank leiht sich Geld von ihren Kunden, und alle nach der Verteilung der Barbestände übrigen Ansprüche bedeuten einen Anspruch auf das gesamte restliche Vermögen der Bank. Indem sie anstelle von Bargeld mit Beteiligungen zahlen, werden Banken zu riesigen Holdinggesellschaften, die proportional zum jeweiligen finanziellen Beitrag sowohl den ursprünglichen Aktionären als auch den Kunden gehören, die nicht in bar ausbezahlt werden konnten.

Auch verschuldete Privatpersonen werden in Höhe der Verschuldung Beteiligungen an ihrem Vermögensstand ausgeben müssen, verschuldete Firmen Beteiligungen an der Firma selbst. Darlehensgeber werden damit zu Teileigentümern der Vermögenswerte, die durch ihr Darlehen mit erworben wurden. Einzelpersonen oder derzeitige Aktionäre werden auf diese Weise nicht mehr die ausschließliche Kontrolle über Vermögenswerte besitzen, die sie mittels Kredit erworben haben. Bei Einzelpersonen könnte das so aussehen, daß ein gemeinsames Eigentumsrecht mit einem oder mehreren Gläubigern vereinbart wird, die dann über denjenigen Anteil der Vermögenswerte Kontrolle erhalten, der der unbezahlten Schuld entspricht. Wäre der Vermögenswert beispielsweise ein Haus, könnte man für seine Benutzung eine angemessene Miete vereinbaren, und der Schuldner müßte seinem neuen Miteigentümer _ dem Gläubiger _ den entsprechenden Anteil einer solchen Miete bezahlen. Oder man könnte sich darauf einigen, das Haus zu verkaufen. Dem Schuldner und dem Gläubiger gehörte ja jeweils ein Teil des Hauses, also hat jeder Anspruch auf den entsprechenden Anteil des Verkaufserlöses. Bei Firmen wird die Verschuldung durch neue Aktien ersetzt, und die neuen Aktionäre werden ihr Stimmrecht ausüben dürfen. Dadurch könnte sich die Kontrolle zu den neuen Aktionären verlagern.

Regierungen gehören üblicherweise zu den größten Schuldnern einer Volkswirtschaft. Deren Schulden in Anteile für die Kreditgeber umzuwandeln, das erfordert wieder einen etwas anderen Ansatz. Regierungen können zwar Beteiligungen an ihrem Sachvermögen ausstellen, nicht aber Beteiligungen am Staat selbst. Doch können sie, nachdem alle verfügbaren Vermögenswerte zu Aktien umgewandelt wurden, für den Gesamtwert der übrigen Staatsverschuldung neue Banknoten und Münzen herausgeben.

Viele definieren das Drucken neuer Geldeinheiten selbst schon als inflationär. Das ist jedoch nicht unbedingt immer der Fall. In dem Umfang, wie Banken an den Staat Geld verliehen haben, würde diese Schuld lediglich in Form des neu gedruckten Geldes als greifbarer Vermögenswert zurückgezahlt, der noch dazu von den Bankkunden rechtmäßig beansprucht werden kann. Die umlaufende Geldmenge würde sich also nicht erhöhen, sondern nur ihre Form ändern. Bisher ungedeckte Forderungen von Bankkunden werden damit zu gedeckten Forderungen.

Werden die Staatsschulden bei den anderen Gläubigern, die keine Banken sind, auf diese Weise beglichen, wird dies nichts weiter bewirken, als vorübergehend vom Markt entfernten Geldeinheiten wieder greifbare Form zu verleihen. Natürlich wird man diese neu auf den Markt zurückgekehrten Geldeinheiten spüren, doch wäre das früher oder später ohnehin geschehen. Denn nach Ende ihrer Laufzeit wären die Staatsanleihen beispielsweise wieder auf Girokonten zurückbezahlt worden und hätten sich dann bemerkbar gemacht. Schlimmstenfalls könnte man dieser Methode, Staatsschulden bei anderen Gläubigern als den Banken einfach durch das Drucken neuer Noten und Prägen neuer Münzen zu begleichen, den Vorwurf machen, daß sie eine Inflation nur noch beschleunigt, die durch das Geldverleihverhalten der Banken ohnehin vorprogrammiert war und im Anmarsch ist.

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Gesundes Geld

 

Wenn die anhaltende Produktion neuer Geldeinheiten durch die Banken erst einmal zum Stillstand gekommen ist, wenn ausreichend neue Geldeinheiten zur Rückführung der Staatsschulden produziert worden sind, wenn Geldfälschungen unter Kontrolle sind, und wenn Regierungen und Zentralbanken keine neuen Scheine und Münzen mehr produzieren dürfen außer zum Ersatz beschädigten oder abgenützten Geldes (aber sonst nicht einmal mehr für internationale Devisentransaktionen), dann wird es keinen Weg mehr zur Ausweitung der Geldmenge geben. In der Folge wird das Geld seinen eigenen realistischen Tauschwert von selbst finden.

Gewiß: Die von der Regierung produzierten neuen Scheine und Münzen zur Tilgung der Staatsschuld werden die Menge des für Transaktionen verfügbaren Geldes erhöhen und so den Tauschwert des Geldes noch einmal senken. Das bedeutet also eine weitere Inflationsrunde. Aber diese wird dann die letzte sein, denn danach wird die Währung nicht mehr entwertet werden, und es wird keine weitere Inflationswelle mehr folgen können.

In welchem Maß diese Neuproduktion von Geld die Geldmenge erhöht, läßt sich vielleicht am besten durch eine Berechnung illustrieren, die ich vor einigen Jahren anstellte: Im Juni 1985 betrug die gesamte Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten 6,525 Billionen (6.525.000.000.000) Dollar. Die im Umlauf befindliche Geldmenge, einschließlich aller Bankeinlagen, lag bei 3,136 Billionen Dollar, also weniger als die Hälfte der Staatsschulden. Hätten diese Schulden nicht den Banken sondern anderen Gläubigern gegenüber bestanden und wären folglich zur Schuldentilgung die neu herausgegebenen Scheine und Münzen direkt in den Verkehr gebracht worden, dann hätte sich die im Umlauf befindliche Geldmenge auf 9.661 Milliarden Dollar verdreifacht. In Großbritannien wäre die Lage ähnlich gewesen, denn zum gleichen Zeitpunkt betrug die umlaufende Geldmenge dort 138,5 Milliarden Pfund Sterling, gegenüber einer Staatsschuld von 170,7 Milliarden: Die Geldmenge in Großbritannien wäre maximal auf das 2¼ fache angewachsen.

Von einem solchen Anstieg der Geldmenge wären aber eben die Beträge abzuziehen, die der Staat den Banken schuldet, denn die zur Deckung dieser Schulden neu produzierten Geldeinheiten würden direkt in die Tresore der Banken wandern und Bankkunden gegen ihre Ansprüche zur Verfügung stehen. Diese Ansprüche waren aber auch zuvor schon Teil der Gesamtgeldmenge. Die Rückführung von Staatsschulden in der Form von Geldeinheiten, die vom Staat (und eben nicht vom Bankensystem) produziert werden, hat noch einen weiteren Vorteil: Sobald die Staatsschulden durch Herausgabe neuer Geldeinheiten beglichen sind, wird der Staat keine Tilgungsleistungen mehr erbringen müssen, keine Zinszahlungen. Also wird sich der Staatshaushalt spürbar reduzieren, und das kommt allen Steuerzahlern zugute.

Sobald sich durch diese Schritte eine stabile Geldmenge etabliert hat, wird es notwendig werden sich dem dem Mechanismus zuzuwenden, der die Grenzwerte des Tauschwerte von Geld bestimmt. Zu Zeiten, da Menschen über den Wert von Geld unsicher sind, dürfte natürliches Eigeninteresse sie davon abhalten, es einfach aufzubewahren. Daraus ergibt sich ein Mangel an Geldnachfrage, der den Wert des Geldes unter seinen realen Wert drückt. Viele wollen dann ihr Geld erst recht abstoßen, was die Nachfrage noch weiter drückt. Andererseits kann die Geldnachfrage für Transaktionen wie Kauf und Verkauf nicht unter ein gewisses Minimum sinken, das die Bevölkerung zum Überleben auf einem bestimmten Niveau benötigt. Deshalb muß auch die Nachfrage nach Geld eine Untergrenze besitzen. Bei einer festgelegten Geldmenge würde sich diese Mindestnachfrage recht bald herauskristallisieren.

Natürlich kann man sich auch fragen, wie hoch der Geldwert steigen könnte. Um zu vermeiden, daß Geld gehamstert wird, wenn es in Wert gestiegen ist, und daß dadurch die für Transaktionen verfügbare Geldmenge weiter reduziert wird, ihr Wert also noch höher steigt _ um das zu vermeiden, sollte man zu Tauschgeschäften ermutigen. Wenn Geldersatz in Form von Realwerten rechtmäßig als Währung angenommen wird, reduziert sich die Nachfrage nach Geld in dem Maß, wie bei Transaktionen derartige Ersatz-'Währung' akzeptiert wird, und die Aufwärtsspirale des Geldwertes wird entsprechend gedämpft. Unter normalen Umständen werden im Lauf der Zeit sowohl die Bevölkerungszahl wie auch deren Ansprüche steigen. Das wird zu einer gesteigerten Nachfrage nach Geld führen und damit allmählich den Mittelwert erhöhen, um den der Wert einer festen Geldmenge pendeln wird. Ersatzwährungen werden auch hier den Anstieg dieser Mittelwerte vermeiden helfen und damit Preisstabilität unterstützen.

Wenn Geldfälschung unterbunden und die Produktion neuen Geldes auf den Ersatz abgenutzter oder beschädigter Einheiten beschränkt bleibt, kann die Gesamtgeldmenge nicht ansteigen. Jeglicher Anstieg der Gesamtheit von Bankeinlagen wird auf Geld beschränkt sein, das aus privaten Händen oder aus dem Ausland kommt. Solche Zahlen lassen sich mit einer gewissen Genauigkeit vorausberechnen. Durch aufmerksame Überwachung der Summe aller Bankeinlagen, sowohl in- als auch ausländischer, sollten die Währungshüter eines jeden Landes schnell in der Lage sein, eventuelle Undichtigkeiten im System und deren Ursachen aufzuspüren.

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Neue alte Wertmaßstäbe

Wenn nun ein solchermaßen festgelegtes Papiergeldsystem ohne umfangreiche Kreditaktivitäten eingeführt ist, werden zwei Bewertungsprozesse einsetzen: Der Wert des Geldes wird neu festgelegt und an den gehandelten Gütern und gebotenen Dienstleistungen gemessen, und umgekehrt werden auch die Mengen der Güter und Dienstleistungen an dem dafür notwendigen Geld gemessen. Beide Prozesse werden Bestandteil eines jeden Geschäfts sein, also laufend stattfinden, jeden Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute, Transaktion für Transaktion. Bis der Wert des Geldes sich einzupendeln beginnt, wird bestimmt in Einzelhandelsgeschäften und Restaurants, aber auch allgemein von Firma zu Firma viel mehr um Preise gehandelt werden als jetzt. Preise werden nicht fest sein können, denn der genaue Wert des Geldes steht nicht fest. Auch Käufer und Verkäufer werden sich der Stärken und Schwächen ihrer Position ungewiß sein. Schließlich aber werden sich die Schwankungen des Geldwertes beruhigen und Käufer wie Verkäufer die Stärken und Schwächen ihrer Position abschätzen können.

Sobald die Menschen feststellen, daß der Wert des Geldes seiner Untergrenze nahekommt, werden manche, in der Hoffnung, daß der Geldwert wieder steigt, einen Teil davon aufbewahren. Dies wird unvermeidlich zu einem Anstieg des Geldwertes und zu sinkenden Preisen führen. Das bedeutet eine neue Problemstellung: Zum Senken und Anheben der Preise von Gütern und Dienstleistungen gibt es Mechanismen, aber keine zum Senken von Löhnen und Gehältern, wenn der Geldwert ansteigt. Dieser Frage wird man sich also widmen müssen

.Wenn Gehälter mehr Kaufkraft besitzen als zuvor, wird man sich bestimmt freuen _ solange man Gehaltsempfänger ist. Als Arbeitgeber dagegen erhält man bei sinkenden Preisen weniger Geldeinheiten für seine Waren oder Dienstleistungen. Die Geldeinheiten selbst mögen zwar die gleiche Kaufkraft haben, zahlenmäßig ist es aber einfach weniger Geld. Wenn jedoch Löhne und Gehälter gleich bleiben, erhalten die Angestellten mehr vom erwirtschafteten Gewinn, der Gewinn eines Geschäftes gerät unter Druck, und das Überleben der Firma ist gefährdet. Aus den daraus notwendigerweise folgenden Verhandlungen wird die gegenseitige Abhängigkeit von Managern, Angestellten und Aktionären viel deutlicher werden, und aus dieser Erkenntnis können gegenseitige Achtung und Zusammenarbeit erwachsen.

Diejenigen unter uns, die etwas für die sprichwörtlichen 'schlechten Zeiten' beiseite legen wollen, werden sich nicht mehr um wirkliche Entscheidungen drücken können, indem sie beispielsweise einfach ein Sparkonto _ also eine Verschuldung der Bank ihnen gegenüber _ als Methode der Aufbewahrung oder Investition wählten. Vielmehr werden wir unser Geld entweder so wie es ist aufbewahren oder es unwiderruflich gegen etwas anderes eintauschen müssen. Aufbewahren und Unterbringen von Geld werden einen viel teureren Weg darstellen als bisher. Banken würden den Hauptanteil ihrer Betriebskosten nicht mehr durch Zinseinnahmen decken können. Ein gewisses Einkommen könnten sie durch Gebühren für Aktienvermittlung erzielen oder für andere Dienstleistungen, die sie ihren Kunden anbieten, doch ganz ersetzen können sie damit ihre ehemaligen Zinseinnahmen nicht. Banken müssen also nicht nur insgesamt wirtschaftlicher arbeiten, sondern sie kommen auch nicht mehr umhin, für die Lagerung von Kundengeldern erhebliche Aufbewahrungskosten zu verlangen. Geld in der Bank zu lassen wird zu einer relativ teuren Alternative werden.

Im Vergleich dazu werden sich für die meisten von uns Eigentumsanlagen als viel attraktiver erweisen, seien es Aktien, eine Teilhaberschaft, unser eigenes Unternehmen, oder einfach Güter oder Immobilien, von denen wir einen Wertanstieg erwarten. Wer aus seinen Investitionen Dividenden erhält, wird diese auch viel eher wieder in Eigentum anlegen, anstatt sie nur aufzubewahren. Auf solche Weise wird der Anteil der Geldmenge, die für Investitionen zur Verfügung steht, laufend erneuert und mit den diversen angebotenen Anlagemöglichkeiten verglichen. Es wird einen kontinuierlichen Fluß von Kapital für Beteiligungsinvestitionen geben, das entweder zum Kauf neuer Unternehmen, Waren, Produkte oder Immobilien oder zum Erwerb bestehenden Eigentums vom vorhergehenden Eigentümer verwendet wird. In diesem Fall wird der vorhergehende Eigentümer mit dem erhaltenen Geld die gleichen Entscheidungen zu treffen haben. Das Ergebnis wird ein kontinuierlicher Kapitalfluß für neue Sachinvestitionen sein. Dauerhaftes Wirtschaftswachstum ist eine natürliche Folge eines Wirtschafts- und Währungssystems, das auf Eigentum basiert.

Dennoch werden manche ihr Geld für die Zukunft aufbewahren wollen. Dann müssen sie entweder jemandem, der dafür seine sicheren Aufbewahrungsräume zur Verfügung stellt, eine entsprechende Gebühr zahlen, oder sie müssen eigene Tresore bereitstellen. Solches privates Hamstern würde die Geldmenge, die für den gegenwärtigen Umfang an Transaktionen zur Verfügung steht, verringern. Die Nachfrage nach Geld würde steigen, sein Wert würde steigen, unnd Preise würden sinken.

Dieser Preisrückgang hätte zwei Folgen: Zunächst würde er Geldeinheiten aus Sparern herauslocken, denn sie würden den Vorteil der erhöhten Kaufkraft ihres Geldes nützen wollen. Sowie sie zusätzliche Geldeinheiten aus ihrer jeweiligen Aufbewahrungsform holen und es für Transaktionen verwenden, wird die für Transaktionen verfügbare Geldmenge ansteigen. Der Geldwert wird sinken, und die Preise werden wieder ansteigen. Die zweite Auswirkung kennen wir schon. Transaktionen werden zunehmend mit Ersatzmitteln abgewickelt werden. Wenn der Tauschwert von Scheinen und Münzen ansteigt und das Aufbewahren oder Hamstern von Geld attraktiv wird, muß man zum Abwickeln seiner Transaktionen etwas anderes finden. Hier also kommen die Tauschmittel ins Spiel. Bestimmt werden manche dafür Gold verwenden, andere werden einfach ihre eigenen Produkte oder Dienstleistungen eintauschen. So wird sich vermutlich der Tauschhandel wieder vermehrt durchsetzen, es werden andere Produkte als nur Geld als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Jede dieser Transaktionsmethoden wird bewirken, daß sich die Geldmenge erhöht, und zwar nach dem tatsächlichen Bedarf.

Als Endergebnis aller dieser Prozesse wird sich eine Norm etablieren, um die der Geldwert schwankt. Je mehr Erfahrung wir mit solchen Transaktionen sammeln, desto geringer wird diese Schwankung werden. Daraus wird schließlich eine echte und dauerhafte Preisstabilität wachsen.

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Die Neue Rolle der Banken

Die vorgeschlagenen Gesetzesänderungen an sich werden weder irgendeine einzelne Bank geschweige denn das Bankensystem als Ganzes aus dem Geschäft werfen. Es bleiben nach wie vor gültige und wichtige Aufgaben für die Banken. Bleiben wird der Bedarf an sicherer Aufbewahrung und Verteilung von Geld bei minimalem Risiko. Anleger, die ihr Geld gegen Beteiligungen oder Aktien eintauschen wollen, brauchen nach wie vor jemanden, der sie mit Personen oder Firmen zusammenbringt, die auf der Suche nach Kapital sind. Die bestehende Belegschaft in den meisten Filialen unserer Banken ist am besten dazu in der Lage, sowohl die lokalen Marktaktivitäten in jeder Hinsicht zu unterstützen als auch durch die nationale und internationale Vernetzung der Banken Information und Verbindungen zu vermitteln.

Durch die Umwandlung von Kreditforderungen in Eigentum werden Banken gleichzeitig auch in großem Maß Aktionäre und Teilhaber. Viele ihrer früheren Kredite werden zu Beteiligungen umgewandelt worden sein, deren Wert nun erst festgestellt werden muß. Dieser Wert wird einen großen Einfluß auf den Wert der Anteile haben, die nun in den Händen von den ehemaligen Anlegern und jetzigen Miteigentümern der Bank sind. In jeder Hinsicht bieten sich bestehende Banken als logische Basis für den neuen Aktienmarkt an, der daraus entsteht, daß viele, die Bargeld bräuchten, stattdessen plötzlich Aktien erhalten, und daß viele in Eigentum investieren wollen, anstatt ihr Geld einfach nur aufzubewahren.

Die natürlichen Marktvorgänge werden auch dafür sorgen, daß sich ein genaueres und verläßlicheres Maß für den Wert von Gütern und Dienstleistungen herauskristallisiert. Statt Tausch steht nur eine Alternative zur Wahl: Aufbewahrung. Diejenigen aber, die ihr Geld lieber für sich arbeiten lassen wollen, als daß es sich durch Aufbewahrungskosten selbst aufzehrt, werden es gegen Sachwerte, also eine Unternehmensbeteiligung, oder Immobilien, Produkte oder Dienstleistungen, eintauschen wollen. Alle diese Eigentumsformen sind allerdings jeweils auch mit Risiken behaftet. Jeder potentielle Anleger muß demnach die Zukunftschancen einer jeden Anlagemöglichkeit genau untersuchen. Und nachdem solche Transaktionen endgültig sind, werden gegenwärtiger und zukünftiger Wert sorgfältiger und kritischer bewertet werden als bisher. Zweitklassige Produkte mit eingebautem Verschleiß werden wohl kaum ihren Wert behalten, sei es aus der Sicht eines Investors oder der eines Endverbrauchers. Qualität und Haltbarkeit werden also eine viel wichtigere Rolle spielen als bisher.

Wenn man sich beispielsweise die unter dem neuen System nötigen Voraussetzungen für die Finanzierung eines Hauses betrachtet, wird die Bedeutung kritischer Werteinschätzung deutlich. Nachdem Hypotheken oder Darlehen als Möglichkeiten ausscheiden, müssen Kaufinteressenten für ein Haus einen Miteigentümer suchen, mit dem sie sich auf einen gemeinsamen Besitzstand einigen können. Jedem Miteigentümer des Hauses, sei es eine Einzelperson oder eine Firma, würde ein genauer Anteil des Hauses gehören. Der darin wohnende Eigentümer würde jedem der Miteigentümer eine entsprechende Miete zahlen. Nötigenfalls könnten sich alle Eigentümer auf einen Mietkauf einigen, wodurch der Bewohner von seinen Miteigentümern mit der Zeit weitere Anteile des Hauses erwirbt, damit es ihm letzten Endes wirklich ganz gehört.

Unabhängig davon welche Vereinbarung getroffen wird, hängt der Wert aller Hausanteile vom Wert des ganzen Hauses ab. Wenn es heruntergewirtschaftet wird, verliert jeder Miteigentümer. Auch dürften potentielle Anleger viele der heutigen Bauverfahren mit Mißtrauen betrachten. Daß zu neues, feuchtes Holz verwendet wird, das sich wirft und verzieht, dürfte für kritische Anleger nicht akzeptabel sein. Baumaterialien dagegen, die sich langfristig bewährt haben, werden gefragt sein, denn sie sichern die Anlage gegen das Risiko des Wertverlustes. Ähnlich werden solche Bewohner sehr gefragt sein, von denen man weiß, daß sie sich um ihr Haus kümmern. Als nachlässig bekannte Hausbesitzer werden es schwer haben, ein Haus über Miteigentümer zu finanzieren.

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Neue Perspektiven

Jedes Produkt, jede Dienstleistung und alle Waren und Grundstücke werden aus dieser neuen und kritischen Sicht betrachtet werden. Jeder einzelne von uns wird den Tauschwert aus persönlicher Sicht laufend neu bewerten und ihn dann auf seine eigenen Produkt- und Dienstleistungsangebote anwenden müssen. Alle individuellen Bewertungen werden sich gegenseitig beeinflussen, und die daraus entstehenden Änderungen werden sich ihren Weg im Markt bahnen. Die Auswirkung dieser Änderungen wird beträchtlich sein. Es wird eine anhaltende Neubewertung der Marktpreise unter laufend sich wandelnden Bedingungen und Prioritäten stattfinden.

Wie sehr Eigentümer, Teilhaber, Aktionäre, Manager, Angestellte, Lieferanten und Kunden wirklich voneinander abhängig sind, wird dadurch viel deutlicher werden. Jedes Unternehmen wird ein Gemeinschaftsunternehmen sein, obwohl die daran beteiligten Einzelpersonen alle in persönlichem Interesse handeln. Denn anhaltender Wohlstand benötigt kontinuierlicher Zusammenarbeit auf allen Ebenen als Grundlage und Voraussetzung.

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Weltweiter Wandel

 

Angewendet auf internationaler Ebene, kann die Umwandlung von Verschuldung in Anteile und die Rückführung von Staatsverschuldung durch Ausgabe neuer Banknoten und Münzen auch das internationale Verschuldungsproblem lösen. Nationen mit erstickenden Auslandsschulden bietet sie einen praktischen Weg, ihre internationale Verschuldung zu begleichen, ohne die politischen und wirtschaftlichen Opfer, die gegenwärtig von solchen Nationen verlangt werden.

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Rückführung von Auslandsverschuldung

Auslandsschulden, die keine Staatsschulden sind, lassen sich durch die Ausgabe von Aktien und Beteiligungen begleichen. Staatsverschuldung dem Ausland gegenüber kann auf gleiche Weise bewältigt werden wie inländische: Die Zentralbank der Schuldnernation kann eigene Geldeinheiten im Gegenwert ihrer ausländischen Schulden produzieren, und zwar genau zum Wechselkurs, der unmittelbar vor dem Zurückzahlen gültig ist. Diese neuen Geldeinheiten werden dem ausländischen Gläubiger dann als vollständige Rückzahlung übergeben.

In manchen Fällen würde dies dazu führen, daß ein großer Anteil der Geldmenge eines Landes in fremden Händen ist. Im Juni/Juli 1985 erstellte ich dazu eine Statistik der Geldmenge mehrerer Länder (die Zahlen setzen voraus, daß keine Banken die Staatsanleihen besitzen):

 

Währungen, in Milliarden (Mrd)

 

Nation U.S.A. U.K. Brasilien Mexiko Süd-
afrika
Währung Dollar Pfund Cruzeiros Pesos Rand
Gegenwärtige          
Geldmenge 3.136,0 138,5 161.580 10.475,8 45,3
Staatsverschuldung          
- inländische 6.349,9 158,5 205.501 7.200,0 43,2
- ausländische 175,5 12,2 676.401 21.933,6 53,3
Gegenwert          
in US-Dollar     $ 113,3 $ 96,2 $ 22
Neue Geldmenge 9.661,4 321,8 1.043.482 39.608,8 141,8

 

Hätten alle diese Länder damals ihre gesamten ausländischen Staatsschulden zu damaligen Wechselkursen auf die hier vorgeschlagene Weise beglichen, wäre die Gesamtgeldmenge in allen Ländern gestiegen. Am geringsten wäre die Erhöhung der Geldmenge in Großbritannien gewesen. In den Vereinigten Staaten und Südafrika hätte sie sich mehr als verdreifacht, Mexiko hätte fast viermal so viele Währungseinheiten gehabt, Brasilien sechseinhalbmal so viele. Damit wäre es dann aber auch zu Ende: Es gäbe keine weitere Zunahme der jeweiligen nationalen Geldmengen mehr. Eigentümer aller Währungen könnten sich dann anstelle der heute zu erwartenden laufenden Entwertung auf die zu erwartende Stabilisierung einstellen.

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Auswirkungen auf die inländische Geldmenge

Nach der obigen Berechnung hätte sich mit Ausnahme der Vereinigten Staaten ursprünglich in allen Binnenmärkten die inländische Geldmenge verdoppelt. In ausländischen Händen wären ein Drittel der gesamten südafrikanischen Geldmenge, die Hälfte der mexikanischen und zwei Drittel der brasilianischen. Diese Summen würden wieder in die eigenen, ursprünglichen Binnenmärkte zurückfließen, indem sie von ihren ausländischen Eigentümern für Importe aus dem Ursprungsland der Geldeinheiten oder bei Reisen dorthin ausgegeben werden.

Würden Brasilien, Mexiko und Südafrika attraktive Investitionsprogramme für ausländische Anleger anbieten, würden die ausländischen Eigentümer ihrer Währungen an diesen Investitionen interessiert sein. Diese würden ihre Wirtschaft ankurbeln und damit die inländische Nachfrage nach Geldeinheiten erhöhen. Der Anstieg der Nachfrage wiederum würde den Wertverlust durch die aus dem Ausland zurückgekehrten Geldeinheiten dämpfen. Eine solche Art der Schuldenrückführung würde dann in jeder der betreffenden Nationen einen beachtlichen Investitionsboom auslösen.

Von den genannten Ländern würden dann nur die Vereinigten Staaten sofort einen massiven Anstieg der inländischen Geldmenge erleben, und zwar einen dreifachen. Der Tauschwert des Dollars dürfte dann auf ein Drittel sinken, und Preise und Löhne würden sehr schnell entsprechend ins Wackeln geraten. Im Rahmen eines weltweiten Umwandlungsprogramms würde der US-Dollar aber gleichzeitig ungemein gewinnen. Denn in den hier angeführten Zahlen sind die sogenannten Eurodollars nicht berücksichtigt. Dies sind Dollars, die dem US-Markt heute endgültig entzogen sind, die in ausländischen Banken und ausländischen Papieren festliegen. Durch die Mechanik des Verleihens und Weiterverleihens hat sich die Summe dieser Eurodollars auf ein Vielfaches der inländischen amerikanischen Geldmenge erhöht. Es wäre eine riesige Gefahr für die inländische Kaufkraft des US-Dollar, sollten diese Eurodollars in die Vereinigten Staaten zurückfließen.

Im Rahmen eines weltweiten Umwandlungsprogramms aber würden diese Eurodollars zu Beteiligungen oder in andere Währungen konvertiert. Eurodollar-Kredite an private Kreditnehmer würden zu Beteiligungen umgewandelt, Eurodollar-Kredite an Staaten zu Geldeinheiten der Währung des betreffenden Schuldnerlandes. Eurodollars würden aussterben, und das Damoklesschwert, das jetzt über dem US-Dollar hängt, wäre verschwunden.

Die hier zitierten Zahlen stellen den höchstmöglichen Geldmengenanstieg dieser Nationen dar. Der tatsächliche Zuwachs läge bedeutend niedriger, denn die Summe der Geldeinheiten, die zur Rückführung der Staatsschulden zu drucken wäre, würde sich in dem Maß verringern, wie verstaatlichte Industrie und andere staatseigene Vermögenswerte zu Beteiligungen umgewandelt werden können. Im Falle von Bankkrediten an Regierungen würden die neu produzierten Geldeinheiten von den Banken zum Auszahlen ihrer Anleger benützt werden, also keinen Anstieg der Geldmenge darstellen, sondern eher eine Unterstützung vorhandener, bisher ungedeckter Ansprüche.

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SCHLUSSWORT

 

Die Umwandlung von Forderungen auf Rückzahlung von Krediten in Eigentumsanteile soll hier nicht als Allheilmittel für alle wirtschaftlichen Probleme angepriesen werden. Doch kann diese Umwandlung eine Menge positiver Auswirkungen haben. Sie werden sich aber nicht automatisch durch das Umwandlungsprogramm einstellen, sondern es bedarf konzentrierter Anstrengungen, um die gewünschten Ergebnisse sicherzustellen. Ohne eine solche Umwandlung andererseits werden wir überhaupt keine positiven Auswirkungen erleben.

Die Banken werden daraus für sich nicht gerade die geringsten Vorteile haben. Schließlich werden im Zuge dieser Umwandlung weder das Banken- noch das Währungssystem zusammenbrechen, und diese Gefahr dürfte dann auch für die weitere Zukunft gebannt sein: Bankeigentümer werden, sowie Risikodarlehen aus den Bilanzen verschwinden und durch Vermögensposten festen Wertes ersetzt werden, zunehmend Substanz in ihren Aktien erhalten. Alle Bankkunden werden in der Lage sein, gleichzeitig alle ihre Einlagen abzuheben _ ohne übrigens der Bank im geringsten wehzutun. Auch die Nachfrage nach Girokonten und Dienstleistungen für den bargeldlosen Verkehr wird nicht leiden. Für langfristigere Einlagen werden Aufbewahrungskosten anfallen, sie werden also weniger attraktiv sein als Tausch gegen Beteiligungen. Folglich wird Geld wahrscheinlich schneller als bisher von der Bank zum Markt und wieder zur Bank und von einem Konto zum anderen fließen. Ein kontinuierlicher Fluß von Geld wird für den Erwerb neuer Eigentumstitel zur Verfügung stehen.

Auch der Markt im allgemeinen wird profitieren. Durch das Umwandlungsprogramm kann sich der Geldwert endlich stabilisieren. Ersparnisse werden ihren Wert behalten. Preise müssen nur dem Angebot und der Nachfrage des betreffenden Produktes entsprechend angepaßt werden. Die Einschätzungen von Tauschwerten durch unterschiedliche Personen zu verschiedenen Zeiten werden gültig vergleichbar. Geld wird endlich wieder ein gültiges Maß des Tauschwertes sein. Die Wirtschaftswissenschaft kann tatsächlich wieder eine Wissenschaft werden.

Viele der verzerrten Maßstäbe, nach denen wir jetzt entscheiden, werden korrigiert werden. Früher betrachtete man Investitionen, die sich für den Anleger in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren rentierten, als solide. Heute geht man hier von maximal fünf, manchmal sogar nur drei Jahren aus. Diese kurzsichtige Perspektive hat die Verwirklichung vieler wertvoller Unternehmensideen verhindert. Unter gesunden Währungen mit stabiler Kaufkraft und der Betonung auf sicheren Werten, die innerhalb eines Beteiligungsinvestitionsprogramms nötig ist, wird sich wieder eine langfristigere Sicht durchsetzen. Ohne die Scheuklappen kurzsichtigen Profitdenkens wird man wieder mehr Unternehmensideen als wertvoll betrachten, und daraus wird eine große Menge neuer Arbeitsplätze entstehen.

Sparer werden sich _ auch ohne Einlagenversicherung _ sicherer fühlen als bisher, denn die Umwandlung zu Eigentum wird die Gefahr bannen, daß einzelne Banken oder das gesamte System zusammenbrechen. Das Sparen wird nicht aufhören, sondern es wird sich von der reinen Geldanlage zur gemischten Anlage von Geld und Beteiligungen wandeln. Der Tauschwert von Geld und Anteilen wird sich zugegebenermaßen verändern, wird aber letztlich immer positiv sein. Wenn aber nichts geschieht und das ganze System zusammenbricht, werden sie eventuell vollkommen wertlos sein.

Die vorgeschlagenen Änderungen werden viele aus der sie versklavenden Schuldenlast befreien. Nationen und Einzelpersonen werden ihre Würde wiedererlangen, sie werden ihre Entscheidungsfreiheit zurückgewinnen. Manager werden nicht mehr vor der grausamen Alternative stehen, entweder einige Angestellte zu entlassen und Zinsen zu tilgen, oder keine Zinsen zu zahlen und bald Allen kündigen zu müssen.

Auch die Dauerbelastung durch die gegenwärtigen Wirtschafts- und Konjunkturzyklen wird der Vergangenheit angehören. Es wird einen kontinuierlichen Strom von Mitteln für Investitionen geben, und es werden, um die Kosten der Aufbewahrung des Geldes zu vermeiden, laufend neue Anlagemöglichkeiten für private Ersparnisse und Gewinne gesucht werden.

Wachstum wird von der fortlaufenden Entwicklung neuer Ideen und Produktionskapazitäten abhängen, nicht mehr von immer neuer Verschuldung. Wirtschaftliche Expansion wird abhängen vom positiven Geldfluß aus neuen Ersparnissen und neuen Gewinnen.

Die neu etablierte Integrität des Geldes wird auch zumindest eine der Ursachen menschlichen Leids beheben: Sparer, Empfänger fester Einkommen und Menschen, die langfristige Verpflichtungen eingegangen sind, werden nicht mehr heimlich von inflationärem, unredlichem Geld bestohlen. Nicht zuletzt damit könnte eine solche Entwicklung dazu führen, daß persönliche Integrität und Ehrlichkeit wieder einen höheren Stellenwert bekommen. Die Charaktereigenschaften ehrenhaften Verhaltens werden wieder gefragt sein, denn die Sicherheit unserer Investitionen hängt von ihnen ab. Die Wahrnehmung wechselseitiger Abhängigkeit in dem neuen System kann zu mehr Rücksicht auf die Mitmenschen und letztlich zu einer humaneren Gesellschaft führen. 

Natürlich wird die neue Situation nicht gleich ein reines Honiglecken sein. Es werden viele Fehler gemacht werden auf diesem neuen und ungewohnten Pfad. Manch einer wird es schwierig finden, die eingefleischten Denkweisen unserer kreditorientierten Gesellschaft abzulegen. Bestimmt hat es manch ein Leser bereits schon so empfunden.

Einige werden in große Bedrängnis kommen, wenn sie den tatsächlichen Wert ihrer Investitionen entdekken. Wir sollten jedoch im Rahmen dieses Umwandlungsprozesses in der Lage sein, diejenigen zu erkennen, die darunter übermäßig leiden könnten, und entsprechende Vorkehrungen treffen, um ihnen über das Schlimmste hinwegzuhelfen. 

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Der Umwandlungsprozeß läßt sich steuern, ein Zusammenbruch nicht

 

Die Argumente für ehrliches Geldsystem sind zwingend. Redliches Geld ist kein Räuber. Es stiehlt nicht von den Sparsamen. Es entzweit die Gesellschaft nicht. Es führt keine Wirtschafts- und Konjunkturzyklen im Schlepptau und verursacht keine Arbeitslosigkeit. Ganz im Gegenteil: Es ermutigt zum Sparen. Es unterstützt dauerhaftes Wirtschaftswachstum. Es belohnt verdienstvolles Verhalten. Es verlangt Integrität.

Diese Ziele sind unserer Mühe wert. Sie sind erreichbar. Nötig ist jetzt nur unser Wille, sie zu verwirklichen.

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